XII – Stationen 99

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Nachtrag zu IX, Teil X, Teil XI

Nun war ich also an der Uni. Ich hatte sogar eine Parkberechtigung für die Tiefgarage direkt unter der Fakultät. Was ich allerdings nicht bedacht hatte, waren die Wanderungen zwischen den Vorlesungen und Seminaren. Im Grundstudium fanden einige Vorlesungen auch im Hauptgebäude und im Philosophen-Turm statt, wo ich natürlich keinen eigenen Parkplatz hatte.

Was tun? Mein Aktionsradius in freihändigem Gehen betrug mit äußerster Mühe maximal 400 – 500 m. Was allerdings fast noch schwieriger als Gehen war, war Stehen. Und es ergibt sich ja doch das eine oder andere Gespräch zwischen den Vorlesungen. So zerbrach ich mir den Kopf, mit welcher Konstruktion ich diesen Notstand abschaffen könnte. Ein Stock war keine Lösung. Mit Hilfsmitteln generell war ich nicht gerade vertraut, denn ich mied Selbsthilfegruppen wie der Teufel das Weihwasser. Ich überlegte ernsthaft, ob ich mir einen Rucksack mit einem kleinen Klappstühlchen drin oder dran anschaffen sollte, welches ich dann bei Bedarf herauszaubern und mich draufsetzen könnte. Leider habe ich nichts Geeignetes gefunden. Doch eines Tages sah ich die Lösung! Ich beobachtete eine betagte Frau, die wacklig mit einem Rollator unterwegs war, anhielt und sich erschöpft auf ein Querbrett setzte.

New York City - Old Woman in Brighton Beach - Little Odessa

Das war’s! Sofort ging ich zu meiner Ärztin und ließ mir dieses Hilfsmittel verordnen. (Einen Rollstuhl, in dem ich auf längeren Strecken geschoben werden konnte, hatte ich schon seit 1991, nachdem ich mir mal einen für den Besuch einer Messe ausgeliehen hatte). Dass ich mich mit diesem Teil nun eindeutig als Behinderte outete, hatte eigentlich nur Vorteile. Endlich hörte auch das Tuscheln hinter meinem Rücken auf, dass ich wohl schon am frühen Morgen zu tief ins Glas geschaut habe, denn ab einem gewissen Erschöpfungsgrad torkelte ich regelmäßig.

Fortsetzung

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37 Kommentare zu „XII – Stationen 99

  1. …ein Meilenstein.

    …zu einem Handicap zu stehen und seinen mühsam-ausbalancierten Kräftehaushalt nicht darauf zu verschwenden, anderen vor-zu-machen, man sei unversehrt. Genau in diese Falle fiel ich. Und torkelte ebenfalls… durch Super- und Baumärkte…. auf einem Parkplatz schaffte ich die letzens fünf Meter nicht mehr zum Auto. Mein Bein rutschte weg. Ich konnte mich glücklicherweise noch am Erpel festhalten. Ein kleines Mädchen blieb entsetzt stehen, zeigte auf mich und fragte seine Mutter „Mami, was ist mit der Frau?“… und die Mutter zog das Kind peinlich berührt fort… zischte – laut genug, dass ich es hören konnte – „Komm jetzt, guck nicht, die ist betrunken.“

    Wobei Betrunkene sich beim Fallen genauso verletzen, vertreten und der Hilfe bedürfen können… – bei einem anderen Beinwegrutscher zog ich mir einen Bänderriss zu…soviel dazu…- aber das ist ein anderes Thema. Durch Dein gutes Zureden… schaffte ich es wenigstens, einen alten Krückstock zu nutzen. Mein Ego hat gebraucht, mich mit jenem Attribut der befürchteten Stigmatisierung preis-zu-geben. Schlußendlich wurde ich wankend und ohne Krückstock wesentlich dämlicher und unpassender behandelt als mit. Ein Rollator – wie ich ihn von den Heimbewohnern kenne – ist bei mir im Gespräch. Ich möchte unabhängiger sein. Auch längere Strecken ohne Hilfe gehen können und ohne über die Anstrenung zu „kollabieren“. Mit so einem Rolli ist mir die Freiheit gegeben UND ich habe nicht die Last der Einkäufe.

    Ich weiß nicht, ob es mir und meiner individuellen Verschwurbeltheit zuzuschreiben ist, aber ich erkenne in Deinem „Rollator-in-der-Uni-benutzen“ einen RiesenSchritt…. der Selbst-Akzeptanz, aber auch des Eisernen Willens, mit Handicap Träume zu realisieren.

    Danke für Deinen Mut und Deine Offenheit, liebe Eugenie!!
    Hab morgen Termin bei Frau Doc. Rollator wird angesprochen. Danke.

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    1. Du hast Recht, liebe Falkin, das so locker flockig Dahingeschriebene war schon ein verdammt großer Schritt, denn ich war ja nicht uneitel… : )

      Ich kann dich zu deinem Vorhaben nur ermutigen. Inzwischen gibt es auch schon ganz schicke Rollertoren. Diesen zum Beispiel:

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    2. Autsch.

      Aber immerhin werden dem kleinen Mädchen die Enge der Schubladen bewußt, in die sein Denken gelenkt wird. Die vErwachsenen hinterfragen ihre winzigen Kästchen oftmals garnicht mehr.

      …so wie die Oma… hab ich mich oft gefühlt zum Jahresanfang, wenn ich allen Mut zusammengenommen hatte und unters profane Volk gehinkt war. Mit dem körperlichen Handicap wurde ein geistiges assoziiert, anders kann ich das ganze von meiner Seite unerwünschte Rumgetatsche nicht erklären.

      …aber schlußendlich… und da brauchte ich zu erkennen…. sind ja nicht die Gehandicapten die „Schwachen“, sondern die „physisch Unversehrten“ die in der Konfrontation oftmals überfordert und von Ängsten und Vorbehalten blockiert sind.

      Ich finde es mutig und toll, dass Du mit Rollator die Realisierung Deines Traumes in Angriff nehmen konntest und genommen hast!

      …da gibt es so einen Motivationstrainer….ohne Gliedmaßen… einmal eine Reportage gesehen… er bestärkt Jugendliche darin, sich anzunehmen, so, wie sie sind. Sich schön zu finden, wie sie sind. Und er strahlt soviel Lebenskraft und Freude aus. Ich bewundere Menschen, die derart über sich hinauswachsen und das dumme Schubladendenken aufweichen!

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    3. „Sie ist blind“, sagte Leo, als hätte diese überflüssige Feststellung irgendetwas mit dem Haus zu tun. „Im Gegenteil“, gab Sirinow zurück. „Sie sieht so gut, dass sie noch nicht einmal Augen dafür braucht.“ Seite 128

      Das ist die Lieblingspassage der LeseMaus in dem Buch Schattenspieler
      http://bit.ly/SX3wt9

      Wenn ich das auf Menschen übertrage, die nicht mehr so gehen können, wie sie es sich wünschen, kann ich zum Beispiel von Eugenie Faust sagen: Wie sie auf Menschen zugeht, wie sie mit Menschen umgeht, reicht das weiter, geht das tiefer als bei allen anderen Menschen, die aneinander vorbei rennen.

      Gruß Heinrich

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    4. Doch! Allein die Geschichte mit der Geliebten Ihres Mannes, das offene Zugehen auf sie und die beiläufige Nebeninformation, dass sie ziemlich viel (Teak)holz vor der Brust hat, zeigt eine herrliche Weise, die Welt zu sehen.

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    5. Liebe Eugenie wie lange war ich nicht auf deinem Blog – und was sich in der Zwischenzeit alles getan hat! Dein Handycap hast du mir damals verraten, als unser Treffen anstand, sonst hätte ich es wohl nie erfahren und mich nur ein bisschen gewundert, wie jemand Zeit für so viele wunderbare kreative Ideen hat. Ich dachte dann, dass das Internet auch die Möglichkeit bietet, das Gesicht zu zeigen, das man zeigen möchte und das ja schließlich auch wahr ist und eben nicht so reduziert, wie man vielleicht als Rollstuhlfahrer wahrgenommen wird? Dein „Outing“ finde ich jetzt trotzdem toll und mutig. Es kann ein bisschen dazu beitragen, dass man einer „torkelnden“ Frau zur Hilfe kommt. Auf ein Wiedersehen in alter Frische! Anna

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    6. Liebe Frau Faust und Frau Falkin,
      meine Mutter hat die Benutzung von so einem Rollator leider immer verweigert und auch sonst so ziemlich jedes Hilfsmittel, seien es Krücken oder ein Elektro-Rollstuhl – oder wie immer die nochmal heissen – und das bis es dafür zu spät war.

      Ich habe das immer sehr bedauert, denn mit solchen Hilfsmitteln hätte sie zumindest noch ein bisschen raus kommen können und wäre nicht nur noch zuhause gesessen.

      Ich würde darum jedem dazu raten seine Scheu vor solchen Hilfsmitteln zu überwinden.

      Ja, ich würde sowas auch möglichst vermeiden wollen… aber ich weiss auch wohin das führt, ich hab’s ja leider über Jahre verfolgen können.

      Also lieber den eigenen Stolz überwinden, auch wenn es schwer fällt…

      Liebe Grüßle vom Rössle

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    7. Gestern Abend saßen wir in fröhlicher Runde im Straßencafé an der Ecke und genossen den wahrscheinlich letzten schönen Sommerabend draußen. Zur Freude im Freien gehört ja auch die Wahrnehmung der Anderen, der Vorübergehenden. Dabei fiel mir ein Mann auf, der sich sichtlich bemühte aufrecht zu gehen, dabei seine Füße vorsichtig in kleinen Schritten vorschob, als ginge er auf Glatteis. Als er einen Bauzaun erreichte, der seit einiger Zeit unsere Straße absperrt, hielt er sich daran fest und zog sich an ihm weiter. Ein Freund an unserem Tisch sagte, er kenne den Mann. Ein ehemaliger Verlagskollege seiner Frau, sehr kompetent, sehr kreativ, nun leider wohl dem Alkohol verfallen. Da fiel mir Ihr Bericht ein. Wie schnell wir Menschen, die sich unsicher bewegen für betrunken halten. Und das ist ja meistens abwertend gemeint. Ich berichtete von Ihrer Erkrankung und der Scheu, sich nützlicher Hilfsmittel zu bedienen. Nachdem wir das Café verlassen hatten, sahen wir den Mann erneut. Er war vielleicht zwanzig Meter weiter gekomme. Unser Freund bot ihm Hilfe an und er hat sie angenommen. Betrunken war er nicht.

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    8. Ach wie schön, dass meine Geschichte so ein positives Echo nach sich zieht. Und schön, dass Sie das hier mit mir teilen. Vielen Dank

      Ihre Schreibe gefällt mir, haben Sie gar kein eigenes Blog? (Ihr Link geht leider nur zur Startseite von AOL)

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    9. Liebe Eugenie, dass ich hier den Eindruck eines „Datenfischers“ hinterlassen habe, liegt wohl daran dass ich meine e-mail-Adresse in die „URL“ eingetragen habe. Ich bin halt nicht so polyglott und verwechsle die Begriffe der web-Sprache immer mal wieder.
      Seit geraumer Zeit blicke ich mit großem Vergnügen in Ihr Blog, ohne mich an ihm zu beteiligen. Das hat ein bisschen was von „in fremde Fenster gucken“, das macht ein anständiger Mensch nicht, aber es gibt in den Blogs keine Rubrik, in der man seine Anwesenheit sichtbar machen kann. Vielleicht sollte ich wenigstens einen guten Tag wünschen, wenn ich mich rein lese?
      Egal wie, ich kenne Sie nicht, aber ich sehe eine kluge, kreative Frau vor mir mit vielen geistreichen Einfällen, die andere zum Mitmachen animiert und damit viel Farbe in anderer Leben bringt. Das ist einfach toll! Um so mehr habe ich die Schilderung Ihres Werdegangs mit Spannung verfolgt.
      Ja, so weit. Gruß, Kalinka.

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    10. Liebe Kalinka,
      schön, dass Sie mir meine Reaktion nachsehen. Ich freue mich über stille Leser wie Sie. Schauen Sie auch gerne weiterhin schweigend in mein Fenster. Noch schöner ist natürlich ein unerwarteter Kommentar wie dieser. : )

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  2. Eben habe ich im… Eiltempo sämtliche Folgen Ihrer „Beruf(ungs)geschichte“ durchgelesen. Ich war sehr beeindruckt! Aus nahe liegenden Gründen las ich mit besonderem Augenmerk auf Ihre Erkrankung.

    Ich bewundere Ihre Tapferkeit – auch Ihre lange Verschwiegenheit. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob es gut ist, geradezu auf Vorrat zu jammern wie ich das tue. Offenheit ist nicht immer das richtige Rezept – es gibt viele Zeitgenossen, auf deren Kommentare man gerne verzichtet.

    Aber ich muss sagen: Es machte mir Mut, das zu lesen. Ihre wechselhafte Biografie, Ihre Art, mit extremen Wechselfällen umzugehen.

    Andere können es auch, denke ich dann. Ich werde es auch können.

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  3. Ui, der Rollator hat was. Vor allem braucht es verdammt viel Selbstvertrauen, sich damit in die Öffentlichkeit zu wagen. Meine Schwimu schafft das trotz ihrer fast 75 Jahre bis heute nicht, seit etwa 3 Jahren steht der Rollator unbenutzt zu Hause rum. Dafür fällt sie recht oft und muss auch dann ins Krankenhaus geliefert werden. Ist ihr wahrscheinlich lieber.
    Respekt also!

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  4. Liebe Eugenie, so einen Rollator hätte ich seit dem letzten KH-Aufenthalt meiner Mutter auch im Angebot 😉 Sie braucht ihn (noch) nicht, man hat ihn ihr einfach mitgegeben. Dafür hat man ihre Kleidung in blaue Müllsäcke gepackt, obwohl zwei (!!!!) Reisetaschen in ihrem Schrank waren, die seitdem verschollen sind. Also falls du mal Ersatz brauchst 😉 Im Moment sitzt ein Teddy auf dem Querbrett und grinst meine Mama an 😉

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  5. Ich lese gerne solche aufrichtigen, weniger launigen Einträge, obgleich ich auch die wirklich erstklassig angesiedelte Launigkeit hier zu schätzen weiß. Überrascht bin ich allerdings weniger von der gesamten Situation (man muss nicht einmal großartig zwischen den Zeilen lesen, meine ich) als von der beruflichen Entwicklung. Meine Güte, was für eine Substanz, wie komplex… dieser altruistische Aspekt. Ich werde noch ehrfürchtiger 😉

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    1. ich bin mit Smilies nicht so firm…! Eigentlich ist es total unterwürfig gemeint! Leider wurde dafür noch kein richtiges Symbol entwickelt! Wenn ich nicht in echt beeindruckt bin, schreibe ich nämlich gar keine Kommentare nicht!

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