XII – Stationen 99

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Nachtrag zu IX, Teil X, Teil XI

Nun war ich also an der Uni. Ich hatte sogar eine Parkberechtigung für die Tiefgarage direkt unter der Fakultät. Was ich allerdings nicht bedacht hatte, waren die Wanderungen zwischen den Vorlesungen und Seminaren. Im Grundstudium fanden einige Vorlesungen auch im Hauptgebäude und im Philosophen-Turm statt, wo ich natürlich keinen eigenen Parkplatz hatte.

Was tun? Mein Aktionsradius in freihändigem Gehen betrug mit äußerster Mühe maximal 400 – 500 m. Was allerdings fast noch schwieriger als Gehen war, war Stehen. Und es ergibt sich ja doch das eine oder andere Gespräch zwischen den Vorlesungen. So zerbrach ich mir den Kopf, mit welcher Konstruktion ich diesen Notstand abschaffen könnte. Ein Stock war keine Lösung. Mit Hilfsmitteln generell war ich nicht gerade vertraut, denn ich mied Selbsthilfegruppen wie der Teufel das Weihwasser. Ich überlegte ernsthaft, ob ich mir einen Rucksack mit einem kleinen Klappstühlchen drin oder dran anschaffen sollte, welches ich dann bei Bedarf herauszaubern und mich draufsetzen könnte. Leider habe ich nichts Geeignetes gefunden. Doch eines Tages sah ich die Lösung! Ich beobachtete eine betagte Frau, die wacklig mit einem Rollator unterwegs war, anhielt und sich erschöpft auf ein Querbrett setzte.

New York City - Old Woman in Brighton Beach - Little Odessa

Das war’s! Sofort ging ich zu meiner Ärztin und ließ mir dieses Hilfsmittel verordnen. (Einen Rollstuhl, in dem ich auf längeren Strecken geschoben werden konnte, hatte ich schon seit 1991, nachdem ich mir mal einen für den Besuch einer Messe ausgeliehen hatte). Dass ich mich mit diesem Teil nun eindeutig als Behinderte outete, hatte eigentlich nur Vorteile. Endlich hörte auch das Tuscheln hinter meinem Rücken auf, dass ich wohl schon am frühen Morgen zu tief ins Glas geschaut habe, denn ab einem gewissen Erschöpfungsgrad torkelte ich regelmäßig.

Fortsetzung

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XI – Berufliche Wege und Stationen 95-98

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Nachtrag zu IX, Teil X

Natürlich habe ich nie bei einer Erotikhotline gearbeitet. Eine Freundin vermittelte mir jedoch 1995 nach dem Tod meines aidskranken Freundes im Rahmen der Hinzuverdienstgrenzen einen Minijob bei der sogenannten Kündiger-Rückgewinnung von Gruner & Jahr, also im aktiven Telefonmarketing eines aufstrebenden Callcenters. Etwa ein Jahr später reaktivierte ich die Spendierlaune von Greenpeace-Fördermitgliedern. 1997 durfte ich dann endlich ins passive Telefonmarketing wechseln und zwar zuerst in das Servicecenter von Bofrost, später in den Spiegel-Abonnentenservice. Außerdem wurde ich in den Betriebsrat der Firma gewählt.

Eines Abends, ich erinnere es wie heute, wartete ich nach der Abendschicht auf den Fahrstuhl, als mich blitzartig und scheinbar aus heiterem Himmel ein Gedanke überfiel – wahrscheinlich getriggert durch die beiden Studenten, die mit mir im Betriebsrat saßen und den vielen die neben mir telefonierten: Warum sollte ich nicht auf meine alten Tage hin (ich war 43 Jahre alt) ein Studium ins Auge fassen? Schließlich gab es auch noch andere sitzende Tätigkeiten, die vermutlich mehr meiner Begabung entsprechen und meiner Neigung sowieso.

Es muss doch für „spätberufene Psychologinnen“ einen gangbaren Weg geben, auch ohne vorher langwierig das Abitur nachzuholen. Unmittelbar fühlte ich, dass dies ein sehr ernsthafter und überaus gewichtiger Anfangsgedanke war, der richtig viel Energie im Gepäck hatte.

Schon wenige Tage später fand ich mich in der Universität vor den Informationsbroschüren wieder, und dort entdeckte ich wie ferngesteuert meinen Weg: Damals § 31a des Hamburgischen Hochschulgesetzes. Kaum hatte ich alles durchgelesen, saß ich auch schon an meiner Bewerbung. Im Haushalt gab es weder Computer noch Schreibmaschine, aber meine Nachbarin stellte mir ihre zur Verfügung. Jetzt musste ich nur noch die paar Monate bis zum Bewerbungszeitraum überbrücken und danach noch weitere bis zu den Klausuren und schließlich bis zur mündlichen Prüfung. Außerdem musste ich noch ein Gespräch mit einem Professor des angestrebten Studienfaches führen.

Zur Vorbereitung der Klausuren, auf die man sich eigentlich gar nicht vorbereiten konnte, da die jeweiligen Themen nie bekannt sind, abonnierte ich erst einmal eine gute Wochenzeitung. Außerdem wählte ich mein Fernsehprogramm sorgfältiger aus, denn ich wusste zumindest, dass die erste Klausur immer ein gesellschaftliches Thema behandelt und die zweite ein Thema aus dem beruflichen Umfeld. Also habe ich diese Zeitung immer komplett vom ersten bis zum letzten Wort durchgelesen. Und was das Thema aus dem beruflichen Umfeld anbelangte, fühlte ich mich allein durch mein Engagement im Betriebsrat ganz gut vorbereitet. Für jede Klausur hatte man 3 Stunden Zeit. Alles lief super.

Geradezu brillant lief die mündliche Prüfung, obwohl der Tag mit Schwierigkeiten begann. Man will ja gut aussehen an so einem Tag. Also mussten es die Schühchen mit den Ledersohlen sein, denn die passten am besten zum Wohlfühloutfit. Dass das ein Fehler war, erkannte ich leider erst als ich fast unten auf der Straße stand. Sie war komplett mit Neuschnee bedeckt. Was tun? Meine Energie reichte krankheitsbedingt nicht mehr für die 80 Stufen nach oben zum Schuhe wechseln und wieder 80 Stufen nach unten. Also habe ich meine Nachbarin* rausgeklingelt, sie solle mir bitte ein Taxi rufen und mich danach am Arm bis zur Beifahrertür begleiten. Leider gab es vor dem Hauptgebäude der Uni in der vorlesungsfreien Zeit kein Parkmöglichkeit, doch der Taxifahrer war unglaublich nett und stellte sein Gefährt einfach mit Warnblinke auf der sechsspurigen Edmund Siemens Allee ab und geleitete mich sicher über den gesamten Vorplatz.

Ich war so glücklich und geradezu euphorisiert, als ich wohlbehalten im Gebäude stand. Jetzt konnte einfach nichts mehr schief gehen. Meine Ausstrahlung war entsprechend, und die mündliche Prüfung konnte gar nicht besser laufen. Zum krönenden Abschluss hielt ich meine Note in der Hand, mit der ich mich bei der ZVS um einen Studienplatz bereits für das kommende Semester bewerben durfte. Der Notendurchschnitt aus den Klausuren, der Bewerbung und der mündlichen Prüfung (in meinem Fall 1,2) zählt wie eine Abiturnote und unterliegt genauso dem gewohnt strengen NC für Psychologie.

Knapp ein Jahr nach dem beflügelnden Anfangsgedanken hatte ich also meine Studienberechtigung.

Fortsetzung

X – Berufliche Wege und Stationen 93-95

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Nachtrag zu IX,

Meine Analyse war ja erst einmal beendet. Doch nach einer angemessenen Pause wollte ich wieder in die Arbeit an mir selbst einsteigen; nur dieses Mal nicht als Einzelperson, sondern als Teil einer Gruppe. Gemäß meiner Ambitionen wählte ich etwas mit Ausbildungscharakter und zwar Self Effectiveness Training (SET) bei Calumed e.V.*, weil die damals noch über drei Jahre verteilten Trainingsblöcke mit der Option Weiterbildung zum Atemtherapeuten angelegt waren.

Nach einer Phase der Selbsterfahrung verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Vertiefung der theoretischen Grundlagen und die Behandlung von Klienten (unter Supervision natürlich). Danach, so hatte ich das vor, wollte ich wenigstens den Heilpraktiker für Psychotherapie, den sogenannten „kleinen Heilpraktiker“ machen. Hochmotiviert organisierte ich mir schon mal alle Materialien für einen Crashkurs und den Tölle.

Diese Art von Lernen bereitete mir allerdings gar keine Freude. Außerdem nahm mich eine andere große Aufgabe immer mehr in Beschlag: Ein todkranker Freund (Aids im Endstadium) brauchte rund um die Uhr Betreuung, welche ich neben dem Pflegedienst im Freundeskreis organisierte und oftmals selbst am Bett saß oder seine Lieblingsspeisen zubereitete**.

Zudem wurde bald das Haushaltseinkommen knapp. Mehr dazu hier...

*Zu den Menschen dieses Vereins hatte ich schon seit Beginn meiner sieben Jahre währenden esoterischen Phase Kontakt, nämlich seit einem Schwitzhütten-Sommercamp 1989 mit Larson T. Medicinehorse und Dan Old Elk, beides Crow Sundance Chiefs aus Montana.

Daybreak Star 06

Daher kannte ich auch T., den Grund für meinen Ortswechsel. Damals konnte ich ihn überhaupt nicht ausstehen. Auch eine gemeinsame Freundin sagte einmal: Man muss ihn schon lieben, um ihn zu mögen! Im Camp wurde er von Larson T. Medicinehorse zum Schwitzhüttenleiter autorisiert. Er war nicht nur mächtig stolz, sondern direkt überheblich, fand ich jedenfalls…

In dieser Campwoche gab es noch eine nette Begebenheit, die ich euch nicht vorenthalten will: Im Talking Circle verkündete Dan Old Elk eines Tages, dass er T. nun auch einen indianischen Namen geben wolle und zwar „Walking Eagle“. Man konnte förmlich sehen, wie T. augenblicklich größer wurde und wie die Brust anschwoll, freilich nur bis zur Erläuterung: Walking Eagle, verkündet Dan gewichtig, means „full of shit, cannot fly!“ Natürlich folgte großes Gelächter, was T. erstaunlich gut wegsteckte, zumindest hat er das Ganze als Lektion aufgefasst.: )

** Bei einem längeren Hamburg-Aufenthalt 1992 hatte ich schon mal eine Sterbebegleitung in einem Hospiz gemacht, weil einem Freund, der das Hospiz mit überwiegend Aidskranken leitete, in der Sommerzeit hinten und vorne die Begleiter fehlten. Damals saß ich am Bett einer Frau, die so alt wie ich war und auch noch gleich hieß. Es war das erste Mal, dass ich dabei sein durfte, als ein Mensch den letzten Atemzug tat. Das war ein ganz großer Moment…

Fortsetzung

IX – Nachtrag

zu Teil IX

Ich habe festgestellt, dass ich doch ein klein wenig weiter ausholen muss und neben einem bisschen Krankengeschichte auch noch das ein oder andere Bruchstück meiner Beziehungsgeschichte hineinweben muss, damit Sie die nächste Station plausibel nachvollziehen können.

1991 hatte ich den Schub meines Lebens, von dem ich mich nur langsam und nie wieder ganz erholt habe. Daraufhin wurde mir von der Krankenkasse nahegelegt, nun endlich EU-Rente zu beantragen, was ich dann auch schweren Herzens tat. Und weil bei mir ein einschneidendes Ereignis nicht selten einen weiteren radikalen Wandel nach sich zog – so war es schon 1988, als ich mich nur wenige Monate nach einer Fehlgeburt (nach zehn Jahren unerfülltem Kinderwunsch) unsterblich in den bereits erwähnten Zivi verliebte, mich in einem schmerzhaften Prozess von meinem ersten Mann löste und währenddessen auch noch die endgültige Diagnose erfuhr – verliebte sich der damalige Trennungsgrund wenige Monate nach dem Schub in eine weitere Frau und wünschte sich fortan eine libertäre ménage à trois, für die ich leider nicht geschaffen war und ihn mir folglich schweren Herzens aus demselben riss.

Der Vollständigkeit halber sollte ich jetzt vielleicht auch noch erwähnen, dass ich mir seit 1989 eine Psychoanalyse angedeihen ließ, so richtig mit Couch und phasenweise klassisch dreimal wöchentlichen Sitzungen. Nachdem meine Beschwerden mit einer Diagnose gelabelt waren, meinte nämlich ein schwerkranker Bekannter, dass bei einer sogenannten „großen Krankheit“ eine Psychoanalyse nie verkehrt sei und gab mir die Adresse seines Analytikers.

Ich war sehr überrascht, dass dieser die Nachbarvilla meiner zukünftigen Bleibe in der Hopfenburg, die damals gerade aufwändig saniert wurde, bewohnte und nahm es als Wink des Schicksals.

Erwähnenswert, weil vielleicht auch ein bisschen wegweisend, ist noch, dass ich als Patientin an einer einwöchigen Fortbildung in psychoanalytischer Gestalttherapie, die er als Leiter eines Ausbildungsinstituts durchführte, teilnehmen durfte.

Obwohl ich für meine Liebeszukunft damals ziemlich schwarz sah, stufte ich mich doch in meinen dunkelsten Stunden als äußerst „schwer vermittelbar“ ein, verliebte ich mich bereits 1992 wieder vorsichtig in einen Hamburger Freund, der mich monatelang heftigst umwarb. Er war schließlich der Grund dafür, dass ich mich nach einem dreiviertel Jahr Fernbeziehung 1993 ganz in Hamburg niederließ. Interessanterweise kam 92 auch meine Analyse zum Abschluss und mein Analytiker zog seinerseits nach Hamburg.

Leider habe ich die amtsärztliche Überprüfung, dass von mir als zukünftiger Heilpraktikerin keine Gefahr für die Volksgesundheit ausgeht, nicht abgelegt, da ich ja den Regierungsbezirk verließ. Nachdem in Hamburg die Wartezeit bis zur Überprüfung fast zwei Jahre betrug, verlor sich die Motivation, mein anatomisches und physiologisches Wissen über diesen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten. Außerdem reizte mich die überwiegend somatische Herangehensweise an Krankheiten inzwischen weniger.

Fortsetzung

IX – Berufliche Wege und Stationen 90-93

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII

Also beschloss ich, mich nicht weiter abzumühen. Desillusioniert und deprimiert, galt ich doch zuvor als Säule in der Arbeit mit behinderten Menschen, zog ich mich nun ganz zurück, nachdem ich seit 1980 sogar während akuter Schübe gearbeitet hatte. Ich reflektierte mein Verhalten in der Vergangenheit, genauer mein Überengagement, und musste realisieren, dass ich wohl ziemlich übertrieben hatte.

Da ich mich nicht als einzige an diesem Syndrom Leidende in leitender Funktion erkannte, kam mir die Struktur der ganzen Institution auf einmal einigermaßen ungesund vor. – Lauter Leidende in leitender Stellung, quasi ; ) Trotz Enttäuschung und Sorge um meine Zukunft, fühlte ich mich geradezu erleichtert, mich einmal von allem lösen zu können. Ich beschloss aber, Sie ahnen es vielleicht schon, meinen Krankenstand lernend auszufüllen.

Weil ich, trotz allem, meiner Neigung, mit Menschen zu arbeiten und sie zu begleiten, gerecht werden wollte und hinsichtlich einer möglichen selbstständigen Tätigkeit, begann ich an dieser Tagesschule eine fundierte 2 1/2-jährige Ausbildung zur Heilpraktikerin. Zudem hielt ich den Zugang zu alternativen Heilmethoden auch für mich persönlich nicht verkehrt.

Wir waren gerade mal acht Schüler und genossen einen sehr lebendigen und spannenden Unterricht. Ich fühlte mich absolut am richtigen Ort. Neben Anatomie, Physiologie und Diagnostik waren meine liebsten Fächer Phytotherapie und das elegante System der Homöopathie, dem ich mich auch heute noch verbunden fühle, obwohl die Wirkungsweise wissenschaftlich (noch) nicht erklärbar ist.

Mit traditionell chinesischer Medizin, vor allem Akupunktur, konnte ich dagegen nicht so viel anfangen. Vielleicht hat mir das Professor Li ein bisschen versaut, der ein paar Wochen an der Schule unterrichtete und nebenbei auch praktizierte.

Selbstverständlich wollte ich mich von so einer Koryphäe behandeln lassen. Komisch fand ich nur, dass ich vorher so viel ausziehen sollte, und dass nach dem Setzen der Nadeln auch noch ganz ausgiebig mein Busen von Hand bearbeitet werden musste. Ich war äußerst irritiert, aber einem Professor mit ernster und wichtiger Miene widerspricht man ja nicht so einfach. Doch das Verhalten erinnerte mich schon sehr an einen anderen übergriffigen Arzt aus meiner Jugend. Für die nächste Behandlung sorgte ich vor. Ich vereinbarte mit einem Mitschüler, dem ich mich anvertraute, dass er einfach mal ins Behandlungszimmer reinplatzen sollte, um zu sehen was dann passiert. Und siehe da, sofort hielt der Lustmolch inne. Alle weiteren vereinbarten Termine habe ich vom Schulleiter absagen lassen. Keine Ahnung, ob er jemals wieder eingeladen wurde.

Nachtrag

VIII – Berufliche Wege und Stationen 86-90

Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII

Nach sechs Monaten sollte ich nun also endlich unbefristet eine ausscheidende, langjährige Mitarbeiterin wiederum im Schwerbehindertenbereich ersetzen. Ich kannte fast alle der neun jungen Erwachsenen von damaligen Nachbargruppen und durch diverse Nachtwachen zwischen 1973 und 76 und freute mich darauf. Seinerzeit waren es natürlich noch Kinder, acht Jungs und ein Mädchen, die berühmt berüchtigte Alexandra!

Alexandra galt einst als schlimmster Fall der gesamten Einrichtung. Ich erspare Ihnen die grauenhaften Szenarien und Selbstverletzungen. In ihrer Hilflosigkeit entschieden sich Psychiater irgendwann für einen neurochirurgischen Eingriff – ein Experiment, mit dem man die unvorstellbaren Autoaggressionen in den Griff zu bekommen versuchte. Den Narben nach war es etwas Größeres, wahrscheinlich irgendetwas zwischen Lobotomie und stereotaktischer Operation, was weiß ich. Ich fand die Krankenakte diesbezüglich auffallend lückenhaft. Ein zweites „Experiment“, auch vor meiner Zeit, betraf unseren Herri, der eine zeitlang mittels Androcur kastriert wurde, weil er anscheinend der Heimleiterin an den Busen gefasst hatte. Ich gebe zu, dass man schon richtig Angst vor ihm kriegen konnte, aber eben auch vor drei weiteren Kandidaten dieser Gruppe, denen diese Behandlung erspart blieb.

Bei den meisten wurde inzwischen das Maximum an lebenspraktischen Fertigkeiten erreicht, und der Schwerpunkt war, jedem einen angemessenen Rahmen für sein So-Sein zuzugestehen und trotzdem einen einigermaßen reibungslosen Tagesablauf zu gewährleisten. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, denn auch hier gab es unterschiedlichste Anforderungen zu meistern: starke Epileptiker mit latent drohendem Status epilepticus, und wie schon erwähnt, Autoaggressive, Aggressive und Tobsüchtige. Ein wichtiges Arbeitsinstrument war die geschärfte Beobachtungsgabe, da sowohl Epileptiker, als auch Erregte mit sogenannter Bedarfsmedikation in den Griff zu bekommen waren.

Wie bereits in der letzten Fortsetzung angesprochen, ging der Trend weg von der hohen Dauermedikation, die die Heimbewohner bisher in ihren Lernmöglichkeiten und Lebensäußerungen stark behinderte. Ich kann mich noch gut an die ruhig gestellten Zombies aus Anstaltszeiten erinnern, bei deren Anblick es einem trotzdem eiskalt über den Rücken lief. Ich glaube, besonders meine Beobachtungsgabe, eine klare und konsequente Natur ohne viele Worte und Intuition waren meine Stärken. Interaktionen mit Geri waren beispielsweise besonders riskant. Er hat mich gelehrt, eher beiläufig und ruhig zu agieren und Blickkontakt zu vermeiden. So entwickelte ich mich bald zur „Geri-Flüsterin“.

Schwerpunkt im Tagesablauf waren die Arbeit und Arbeitsversuche in der Werkstatt für Behinderte bzw. beim Arbeitstherapeuten. In der Freizeit unternahmen wir meist Spaziergänge in der Natur. Was von mir früher eher belächelt wurde, war in Anbetracht der Umstände die effektivste Möglichkeit, bei den Unruhigen Überschuss zu kanalisieren und die etwas Trägeren zu mobilisieren. Als kreatives Projekt haben zwei Kollegen und ich gruppen- und heimübergreifend eine Schwarzlicht-Theatergruppe mit schwerbehinderten Darstellern ins Leben gerufen. Was sich kaum einer vorstellen konnte, hat erstaunlich gut funktioniert. Das war eine tolle und kreative Phase, so recht nach meinem Geschmack.

Mein Engagement verhalf mir in kurzer Zeit zu einer führenden Rolle im Team. Und da im gesamten Bereich wieder klarere Hierarchien angestrebt wurden, wählten mich meine Kollegen in Absprache mit der Heimleitung zur Gruppenleiterin. Bevor ich die Leitung antrat, erwarb ich in mehreren Seminaren die Zusatzqualifikation zur Wohngruppenleiterin. Mit neuem Wissen ausgestattet, gelang es mir bald, beispielsweise die wöchentliche Gruppenbesprechung – eine ewige Baustelle in den allermeisten Teams – effizienter zu gestalten, quasi vom Kaffeeklatsch zum Ergebnisprotokoll zu gelangen.

Vor die Herausforderung einer progressiven Erkrankung* gestellt, wurde ich leider ausgebremst und war eines Tages gezwungen, meine berufliche Weiterentwicklung, diesem Umstand gerecht werdend, zu planen. Ich wollte weiterhin in der Einrichtung bleiben und für Behinderte oder / und deren Betreuer und Eltern arbeiten, aber eben überwiegend sitzend. Also strebte ich die Ausbildung zur Heilpädagogin an. Vom Arbeitsamt wurde mir jedoch mitgeteilt, dass ich mit diesem Krankheitsbild am Arbeitsmarkt nicht konkurrenzfähig sei, und die Maßnahme nur finanziert werden würde, wenn ich einen zukünftigen Arbeitsplatz nachweisen könne.

Ich sprach also an allerhöchster Stelle direkt bei unserem Monsignore, dem Direktor der Einrichtung, vor. Obwohl ein Heilpädagoge, auf dessen Stelle ich insgeheim spekulierte, schon ziemlich alt war, und trotz wohlwollender Anteilnahme und der Feststellung, dass ich eine Säule in der Behindertenarbeit sei, erhielt ich später einen abschlägigen Bescheid. Möglicherweise lag es, neben der tatsächlich schlechten Krankheitsprognose, an meinem für eine kirchliche Einrichtung skandalösen Lebenswandel. Ich hatte mich nämlich von meinem Mann getrennt, hatte ein Verhältnis mit einem wesentlich jüngeren Zivi und war außerdem aus der Kirche ausgetreten.

Nach einer Reha-Maßnahme verschlechterte sich mein Zustand fortschreitend, sodass ich den Gruppenalltag kaum mehr meistern konnte. Mir wurden dann einfach Verwaltungstätigkeiten in einem schicken kleinen Büro angeboten. Ich sollte vom gesamten Heimbereich die Dienstpläne nachrechnen und Entwicklungsberichte für die Kostenträger schreiben, weil ich das doch eh so gut könne. Tatsächlich habe ich ein paar Wochen durchgehalten. Doch das war definitiv nicht mein Arbeitsplatz!

*Zwischen 1980 und 1985 hatte ich eigentlich nur 2-3 relativ mild verlaufende Schübe mit überwiegend Sensibilitätsstörungen. Nach einem weiteren Schub mit ersten richtigen Lähmungserscheinungen, fingen dann aber bereits diverse chronische Beschwerden an, beispielsweise begann ich nach längeren Spaziergängen gangunsicher zu torkeln und zu stolpern. Bis dahin lebte ich ganz gut mit der Verdachts-Diagnose „Rückenmarksentzündung“, weil ich es auch gar nicht so genau wissen wollte. Ganz anders der behandelnde Arzt, der wollte es nun wissen, und so ließ ich mich breitschlagen. Nach einer invasiveren Diagnostik wurde das Kind 1988 also endgültig getauft. Ich hatte es eh geahnt und war nicht überrascht. Bald fand ich heraus, dass die feststehende Diagnose einer unheilbaren Krankheit eher Nachteile hatte: hilflose Ärzte wollen einem unsinnige Therapien angedeihen lassen, wohlmeinende Mitmenschen kennen Menschen die das auch… und denen hat das geholfen, und das soll helfen, und und und. Und ich wollte einfach meine bis dahin verhältnismäßig beschwerdearmen Zwischenräume so normal wie möglich und unbehelligt leben und genießen. Und das habe ich weitestgehend auch getan.

Fortsetzung