Ich war jung und brauchte das Geld

An der Seite eines arbeitslosen Musikers wird mir eines Tages klar, dass das Haushaltseinkommen – sagen wir mal – verbesserungswürdig ist. Und so trage ich mich mit dem Gedanken, mittels einer sitzenden Tätigkeit als Telefondame am Empfang oder so, für zusätzliche Einnahmen zu sorgen. Schon bald finde ich auch eine ansprechende Anzeige:

Frau Abcxyz klingt äußerst sympathisch. Ich erzähle ihr gleich ein bisschen von mir und meiner Situation, bis sie mich mit einer Frage unterbricht: „Sie wissen aber schon, worum es sich bei unserer Dienstleistung handelt?“ „Hmm, nein…?!“ „Ich sage es Ihnen besser gleich. Wir arbeiten im erotischen Bereich. Sind Sie dann noch interessiert?“ Huch, das hatte ich ja überhaupt nicht auf dem Schirm! Wir lachen beide herzlich über meine Naivität.

Drei vier Wochen später stolpere ich erneut über diese Annonce. Inzwischen hat es in mir schon ein wenig gearbeitet, und ich habe mich an meine „Aufgeschlossenheit“ erinnert – daran, dass ich eh schon einmal zusammen mit der bisexuellen Sarina für eine Tonaufnahme ordentlich gestöhnt habe.

Und zwar an einem sehr lustigen Winternachmittag. Ein Grüppchen befreundeter Schwuler, Sarina, mein damaliger Freund und ich statten Annie Sprinkle in Bremen einen Besuch ab. Da gerade Andrew McKenzie von Hafler Trio anwesend ist, entwickelt Annie spontan die Idee, die Hintergrundstimmen für die Performance mit den festgenagelten Dildos im Abendprogramm deutsch sprechen zu lassen. In Windeseile wird der Text übersetzt und die Rollen verteilt. Schwule in den Rollen überwiegend primitiver Freier! Was haben wir für einen Spaß, vor allem auf Kosten von Paul, der seinen wüsten Text wiederholt wie ein Beamter vorträgt.

Frau Abcxyz kann sich sofort wieder an mich erinnern und freut sich, von mir zu hören, dass ich mir das einfach mal unverbindlich anschauen werde.

Die Einführung findet eine Etage über dem Sex-Shop im Bahnhofsviertel statt. Schon beim Betreten des Hauses ist mir sonnenklar, dass dieser Job absolut nichts für mich sein wird. Da habe ich mich selbst mal wieder fast überholt, indem ich schneller und mutiger als ich selbst war. Aber neugierig wie ich bin, und wo ich nun schon mal da bin…

Im Foyer sitzen zwei korpulente Matronen, die vorab das Organisatorische klären und die Anrufer anschließend an die jeweils passende Telefonistin weiterleiten. Hinter der Glastüre ein paar eher gelangweilte Damen mittleren Alters und ein junger Mann, der gerade in einer Kabine telefoniert. Es scheint noch nicht viel los zu sein. Eine in die Jahre gekommene, ledrig braungebrannte, pechschwarz gefärbte Schönheit auf mörderischen Highheels empfängt mich und nach und nach weitere Interessentinnen. Mit ihrem Decolletée, der rauchigen Stimme und dem slawischen Akzent erfüllte sie so ziemlich alle Klischees einer Halbweltdame. Sie bittet uns in den angrenzenden Raum, wo sie uns in den nächsten drei Stunden in die Geheimnisse der erotischen Gesprächsgestaltung einführen will.

Um es kurz zu machen: Eine einzelne versierte Telefonistin, erfahre ich, hat viele Namen und bedient so ziemlich alle Vorlieben. Sie hat kurze, lange, lockige, glatte, blonde, rote, braune, schwarze, graue Haare, ist groß, klein, dick, dünn, jung, alt, naiv, brav, versaut, devot, dominant, was Mann eben so begehrt. Und ein erfolgreiches Gespräch dauert im Schnitt 6 Minuten.

Huch, bei mir klingelt’s gerade. Ich bin dann mal weg!

__________________________________________________

Und so hört es sich an, wenn eine versierte Telefonistin an ihre Grenzen kommt.

54 Kommentare zu „Ich war jung und brauchte das Geld

  1. wie schön, wie schön….früher habe ich mich auf das tägliche traummännlein gefreut. so vor 43 jahren. oder 44. 0der 45.
    das ist nun die freude der 2. lebenshälfte.
    erfreulich, verehrte frau faust. tatsächlich erfreulich.

    Gefällt mir

  2. ach wie schön, ihre fortsetzungsabsätze…..da kann ich nun hocherfeut den 2. teil meiner samstagseinkäufe beim drogeriemarkt meines vertrauens machen mit anschliessendem eiskaffee im cafe meines vertrauens unter bäumen

    Gefällt mir

  3. OH MANN! Das ist doch ganz einfach!
    Schmetterling, pah.

    Blümchen und Bienchen!

    Das weiß doch jedes Kind.

    Ich kann es jetzt nicht genau erklären warum, aber irgendwie sagt mir der Blick in meine Glaskugel, dass Sie auf dem Wege der Genesung sind.

    Gefällt mir

    1. sind eigentlich alle Schmetterlinge Männchen?
      Fragen über Fragen!

      (ich will Sie ja nicht schon wieder loben, aber diese Blümchen-Geschichte da oben ist so ziemlich das Lustigste was ich überhaupt jemals in meinem kleinen Computer gesehen habe. Und ich bin da sehr anspruchsvoll! Noch Stunden später gab mir der Gedanke an Ihre gif-Animation den rechten Schwung bei der Haushaltsarbeit.)

      Gefällt mir

  4. nach den dortigen, nicht vorhandenen kommentaren, glaube ich, daß den p.t. kommentatoren, der link unterm „so“ entgangen ist. ich empfehle den klick aufs „so“
    ich habe mich köstlich amüsiert 😉

    Gefällt mir

    1. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der diese Technik so meisterhaft wie Thomas Haendly beherrscht. Wahrscheinlich erblasst sogar manche Frau vor Neid.

      (ich meinte natürlich ein gekonnt hin und her animiertes Ärmchen.)

      Gefällt mir

  5. Ich wundere mich zwar, dass bei derlei Hotlines tatsächlich reger Betrieb herscht, allerdings, naiv wie ich bin, hab ich mich auch schon über die vielen Autostoperinnen auf der Linzerstraße (einschlägig rotlichtige Straße, zumindest in Teilbereichen) gewundert, weil die haben auch stadteinwärts gewunken.
    (Na ja, es war Sommer, da hat man halt leichte Bekleidung hab ich mir gedacht.)

    Ich kann nicht anders, ich ruf da jetzt an und sag dass ich in KIK-Unterwäsche da sitze, hoffend dass sich ein Schmetterling meldet.

    Phantasie möcht ich keineswegs in Abrede stellen, aber so holzhammertrivial kann das doch nicht sein.
    Gut, ich bin wohlversorgt (und versorge wohl), was ein bisserl eine Traurigkeit hinterläßt beim Lesen dieses schmunzelwerten Beitrages.

    Gefällt mir

    1. Mein angekratztes Weltbild ist ansatzweise wieder hergestellt, es gibt diese Dienste auch für Frauen (vergleichsweise marginal, aber doch).

      Ja was, zwegen „Ehemann“ (oder Ehefrau), somanches an Phantasie teilt Mensch auch mit Trauschein nicht, und das find ich gar nicht so schlecht.
      Allerdings halt, wohl wissend, dass mein/e GesprächspartnerIn grad gelangweilt an die Zimmerdecke starrt und Minuten sammelt, da ziehe ich doch die pure Phantasie vor.

      Gefällt mir

    2. Nichts anderes wollte ich sagen.

      Ich sitz da in meinem Feinripp-Unterhöslein mit Eingrifföffnung, du (in so einer Situation ist das Du angebracht) seuftzt, dahingestreckt in einer leicht entflammbaren Kobinage (ist so ein Unterkleid aus altrosafarbenem Kunststoff), schmelzend.

      Deine Finger gleiten sanft über meine Birnenform rund um den Nabel. Lustvoll stöhnst du auf, „Ach nimm mich!“ säuselst du an mein Ohr.

      Ich schneutze mich in ein Taschentuch, sag, „Jaaa“, also auch säuselnd, streichle jede einzelne Wölbung zwischen deiner Brust und dem Haaransatz zwischen den Beinen. (Tschuldigung, ich wollt ihnen nicht zu nahe treten)

      Weit oben kreist ein Seeadler, derweil wir unten in den Dünen Leib an Leib wälzen, den juckenden Sand ignorierend, weil da gibt´s jetzt nichts ausser Lust und Körper.
      Schon fliegt der Feinripp in die Landschaft, ebenso die altrosane Kombinäsch, Musik setzt ein (ich tät Streicher empfehlen), wir nesteln am Strumpfbandgürtel herum bis der auch daneben liegt.

      „Eugene, ich …“, „Sag nichts, ich weiß es.“ (die Geigen schwellen, der Mond, natürlich voll, legt sein Tuch über uns), „Dein Haar, ach…, die Grübchen in deinem Gesicht, du…!“. Schweigen deinerseits, bzw. Seufzen, dann heftiges Seufzen, bisserl Bilder von Fingern auf Haut, Lippen auch, Haut an Haut …

      Jetzt schwenkt die Kamera auf einen explodierenden Vulkan, Mýrdallsjökull auf Island tät ich empfehlen, Geigen sowieso noch voll drauf. Du seufzt wieder (eigentlich textmäßig eh ganz einfach), und sinkst ermattet in die Dünen.
      Derweil lieg ich eh schon fix und fertig im Sand.

      Ja, ähm, ich denk an sie 😉

      Gefällt mir

  6. Die Geschichte ist lustig. Erinnert mich dran, als ich vor Zeiten mal Pizza auslieferte* und die Belegschaft einer solchen Sex-Hotline zu meiner Stammkundschaft gehörte. Tatsächlich saßen dort, wie von Ihnen beschrieben, gelangweilte Damen mittleren Alters in Alltagsbekleidung herum, manche mit Lockenwicklern, manche sahen fern, lackierten die Fußnägel oder strickten Babysocken für ihre Enkel, während sie in ihre Headsets stöhnten & hechelten. Wenn ich mit den Pizzas kam, futterten sie drauflos und improvisierten halt währenddem beim weitertelefonieren, indem sie mit vollem Mund in die Hotline mampften: „Ich blas dir jetzt einen, hab dich grad im Mund (mampf, mampf) ich hab dich bis zum Hals drin (mampf, schluck)“ undsoweiter, es war wirklich zum schieflachen. Die alten Mädels dort waren ausgesprochen nett & symphatisch und gaben immer reichlich Trinkgeld.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s