Geisterbahnfahrt des Grauens oder Intercity-Express-Ersatzverkehr

Nachdem inzwischen mangels funktionierendem Aufzug die Höhenmeter zwischen Straße und Gleisen auf- und abwärts per Fremdmuskelkraft und dem Einsatz hilfreicher Hände überwunden sind und ich mich allmählich im Stress-vorbei-Stadium wähne, wollen der Allergeliebteste und ich nun ganz entspannt den Rückzug antreten und denselben besteigen. Doch müssen wir – schon angesichts des etwas heruntergekommenen Ersatztransportmittels auf Gleis 5 nichts Gutes ahnend – in den nächsten Stunden zur Kenntnis nehmen, dass zwischen ICEs und ICs nicht nur Es für Express sondern ganze Welten liegen.

In meinem Fall ist das besonders betrüblich, da ich eben gewisse Gegebenheiten brauche, ohne die ich einen Zug gar nicht betreten würde. Und deshalb bin ich an einen einzigen festen Wagen gebunden, der sich indessen schon mal nicht anhand einer geordneten Zahlenabfolge auffinden lässt. Chaotisch zusammengewürfelt warten die antiquierten Wagons in der inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit auf ihre Befüllung.

Während uns der joviale Hamburger Schaffner nach erfolgreichem Entdecken und Entern unseres Wagons wortreich die Plätze weist, fällt mir bereits die lebhaft flackernde Deckenbeleuchtung auf, wenn sie nicht gerade ganz aus ist, was meistens der Fall ist. Das wird sich nach dem Anfahren sicher geben, denke ich… Die schmuddeligen Sitze, obwohl 1. Klasse, sind unbequem hart und nicht zu verstellen. (Welcher Verbrecher war für dieses Design verantwortlich?) Das also soll für die nächsten 6 Stunden unser Lebensraum sein.

Aber es geht noch schlimmer! Außen: Temperatur unter Null – Innen: Null Heizung, und zwar im ganzen Wagon, an den ich – Sie erinnern sich – wegen Handicap gebunden bin. Mein größter Stressor ist Kälte, da ich, einmal abgekühlt (und das bin ich bereits durch die Anfahrt), ohne Wärmezufuhr von außen nicht mehr warm werde. Angesichts dieses Desasters entlädt sich der ganze eh schon seit Tagen angestaute Stress und ich weine untröstlich. Der Allergeliebteste, sonst Fels in der Brandung, ist in Anbetracht des Häufleins Elend nun seinerseits zunehmend verzweifelt. Ein kleineres Abteil – natürlich unbeheizt – wird flugs geräumt, damit wenigstens dem Zug im Zug die Luft ausgeht. Dort biwakieren wir also und versuchen, uns zu arrangieren bzw. zu überleben. Alte und neue äußerst nützliche Weihnachtsgeschenke kommen zum Einsatz. (Mein Dank an alle, v.a. an Isabelle!) Wie gut, dass ich außerdem eine Wärmflasche eingepackt habe – für den Notfall…

Der Allergeliebteste hat für Euch im Flackerlicht die gespenstische Frostbeule im Stadium ihrer langsam gelingenden Anpassung festgehalten.

Seit vergangener Nacht bin ich wieder im warmen Zuhause. Wen kümmert schon die Verspätung. Es fehlte eben das E für Express…

24 Kommentare zu „Geisterbahnfahrt des Grauens oder Intercity-Express-Ersatzverkehr

  1. Autschi Autschi, verehrte Madame Öschenie. Die Bumsbahn ist ja wahrhaftig einer unserer verlassenste Beförderungsbetrübe. Da eine meiner Freundinnen auf den Rolli angewiesen ist, kenne ich derartige „Sondernummern“ durchaus aus eigener Anschauung, Anfühlung, Anfeindung…, die allerbesten Neucreationen von Schimpfwörtern gelangen uns in ähnlichen Zusammenhängen.
    Gut zu wissen, dass Sie wieder im Warmen gelandet sind, gut zu wissen, dass Sie wieder in Kleinbloggersdorf weilen, gut zu wissen, dass es vielleicht bald wieder lecker Filmchen gibt…
    Ach ja, *seufz*, jetzt nur noch Neujahr irgendwie erreichen und dann können wir uns allemitsammen gemütlich ans ignorieren einhalten unserer guten Vorsätze machen.
    Willkommen daheim jedenfalls….

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    1. Liebe SWA, ganz herzlichen Dank für dieses warme Willkommen in unserem Dorf. Zuhause ist es doch am schönsten!

      Ach ja, und was Vorsätze anbelangt, fasste ich vor zwei Jahren zum ersten Mal einen solchen zum Jahreswechsel, und was soll ich sagen – ich halte ihn seither konsequent durch. Vielleicht sollte ich mir mal wieder etwas vornehmen, bei DER Erfolgsquote… 🙂

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  2. Liebe Eugene! Schön, daß Du wieder da bist! Wie gut, daß Du eine Wärmflasche und so hübsches Gemütz und Gedeck dabei hattest, ich habe schon beim Mitlesen gefroren!!!
    Ich hoffe, Du hattest dennoch schöne Tage!
    Fühl Dich gedrückt!!!

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    1. Danke Simone 🙂 Die Wärmflasche – ganz zum Schluss einem Impuls folgend noch schnell eingepackt – war meine Rettung! 200 km vor dem Ziel hat die Heizung dann wenigstens immer mal wieder einen Kubikmeter wärmere Zugluft produziert.

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  3. So stell‘ ich mir die Zugfahrt durch den polnischen Korridor vor, von Berlin nach Ostpreussen 1944, von der meine Mutter noch manchmal erzählt!

    Schön, dass die Reise am Ende dann doch glücklich endete, Frau Faust! 😉

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  4. Möööönsch, da wird mir ja schon beim Lesen eiskalt.
    Lautete einst nicht der Slogan der Bahn:
    „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ ?
    Ich lerne: bei allen wunderbaren Möglichkeiten des Verkehrens ist der Schienenverkehr der, vor dem gewarnt werden muss.

    Liebe wärmende Grüße!

    Lo

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  5. Diese lebendige Schilderung kriecht mir kalt unter die Haut. Dass Sie angesichts der Widrigkeit der Umstände dennoch so humorvoll und spannend davon erzählen können, finde ich einfach toll!
    Besonders berührend und ansprechend empfinde ich den Bogen: „Erwartung – Enttäuschung – Untröstlichkeit – Biwak – Arrangement – Überleben“. Da steigt in mir das Bild auf: Einmal im Biwak halbwegs eingerichtet, kann sich auch dort eine Ahnung von Geborgenheit einstellen und das blanke Überleben erträglicher erscheinen lassen…

    Herzliche Grüße
    Hans

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  6. Als Blogger hat man ja immer noch bei jedem Scheiß einen Trost – immerhin kann man das bloggen. Das ist jetzt nicht zynisch gemeint und das wissen Sie ja auch. Und immerhin haben Sie jetzt einen Meilenstein für die derzeitige (naja, nicht mehr ganz) Winter-Fashion gesetzt.

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  7. ABER Zuerst habe ich mich verliebt
    in den Glanz deiner Augen
    in dein Lachen
    in deine Lebensfreude

    Jetzt liebe ich auch dein Weinen
    und deine Lebensangst
    und die Hilflosigkeit
    in deinen Augen

    Aber gegen die Angst
    will ich dir helfen
    denn meine Lebensfreude
    ist noch immer der Glanz deiner Augen

    (Erich Fried)

    Möge Ihnen gemeinsam mit Ihrem Allergeliebtesten auch das neue Jahr viele intensive Momente bescheren, in denen der Glanz der Augen des „Du“ die eigene Lebensfreude nährt.

    Es verbleibt Ihnen respektvoll zugetan und
    mit den besten Wünschen für 2010

    Ihr Hans

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