Eine „scheissliche“ Erinnerung

Heute Nacht habe ich in Google-Earth meine Kindheitsadressen abgeklappert. Als ich gerade arglos meinen Kindergartenweg entlangdenke, überfällt mich plötzlich diese scheußliche Erinnerung. Oder sollte ich besser scheißliche Erinnerung sagen… ?! ; )

Wie üblich gehen am frühen Nachmittag kleine Kindergrüppchen den Schotterweg der Rotach entlang Richtung Baracke, in der Tante Herta das Regiment führt. Heute soll Tante Elfie die neue Donnerstagspraktikantin das Programm gestalten. Die Vorfreude ist groß, denn ich habe mich in der Vorwoche auf Anhieb ein bisschen in sie verliebt.

Etwa 10 Meter hinter uns gehen die hässlichen Zwillinge mit ihrer noch hässlicheren buckligen Großmutter aus der Brahmsstraße. Für uns, also für Ursel, Peter, meine Schwester und mich, ist sie die leibhaftige Hexe. Wir tuscheln und drehen uns immer wieder um. Übermütig durch den Sicherheitsabstand äußere ich dann auch mal deutlich lauter etwas Abfälliges über die Zwillinge, wahrscheinlich weil sie babymäßig in Begleitung sind. Aber ach, wer denkt schon an den Beschleunigungsmoment einer betagten griesgrämigen Hexe! Eh ich mich versehe, schließt die stockschwingende Alte in einem Affenzahn auf mich zu und gibt mir einen festen Klaps auf den Po. Wie auf Knopfdruck und völlig gegen meinen Willen entriegelt der Muskel, der den Auslass aus meinen Eingeweiden längst zuverlässig kontrolliert und entlässt das Produkt zur falschen Zeit am falschen Ort. Es fühlt sich entsetzlich an.

Ich weiß nicht mehr, wie ich die restliche Strecke zurücklege und erinnere mich erst wieder an das jämmerliche Bild, wie ich beschämt und mutterseelenalleine im nur wenig beleuchteten Kohlenkämmerchen, dem Kindergartenkarzer, stehe. Irgendwann kommt Tante Herta wieder, bei sich eine Schüssel mit seifig trübem Inhalt. Ich soll mich hineinstellen. Es riecht stark nach Lysol. Wortlos und mit ruppigen Handgriffen werde ich gesäubert und nach der entwürdigenden Prozedur in Pullover und einer dicken wollweißen Strickunterhose mit Kordelverschluss – wahrscheinlich noch aus Kriegstagen – in den Gruppenraum entlassen.

Bildquelle: naturwindeln.de

Ich setze mich schamrot und unauffällig an den Rand. Tante Elfie sucht gerade für das pädagogisch wertvolle Kreisspiel „Ist die schwarze Köchin da“, das Mädchen, das singend um den Kreis herumgeht, und steuert freundlich lächelnd in meine Richtung. Ach wie gerne wäre ich für sie marschiert und hätte gesungen:

  • „Ist die schwarze Köchin da?
    Nein, nein, nein!
    Dreimal muss ich ’rum marschieren,
    ’s vierte Mal den Kopf verlieren,
    ’s fünfte Mal – komm mit!“

Ein „schönes Spiel“, aus dem Jahre 1897, dessen Sinn darin besteht, ein Mädchen auszugrenzen und zu demütigen! Die Kinder bilden einen Kreis, um den das Mädchen herumgeht. Es singt dabei und nimmt bei „Komm mit“ immer ein Kind heraus, das sich an das vordere anhängt. So geht es fort, bis zuletzt nur noch eines übrig bleibt. Dieses hält die Hände vor das Gesicht und wird von den anderen umhüpft.

  • „Ist die schwarze Köchin da?
    Ja, ja, ja!
    Da steht sie ja.
    Da steht sie ja.
    Pfui, pfui, pfui!“

Eigentlich wäre diese Schlussrolle geradezu perfekt! Jetzt spricht sie mich tatsächlich an. Hilfe, wo ist das Loch, in das ich versinken kann? Natürlich bin ich um keinen Preis der Welt zu überreden.

Der Nachmittag geht irgendwie vorbei und bald steht der Heimweg an – in Pulli und dieser grauenhaften Grobstrickunterhose! An der großen Kreuzung übernimmt eine Mutter die Kinderschar und einen verräterischen Beutel mit notdürftig gewaschenem Inhalt. Sie wird schnell ins Bild gesetzt. Wer das bei meiner Mutter übernimmt, weiß ich nicht mehr. Zum Glück wird jedenfalls kein Wort mehr über diese schmachvolle Angelegenheit verloren.

39 Kommentare zu „Eine „scheissliche“ Erinnerung

  1. In Amerika könnte man Google wegen solcher Sachen (fehlender Warnhinweis »Achtung, Google-Earth kann beim User längst verdrängte Kindheitstraumata wieder wachrufen«) auf mindestens 1 Fantastilliarde $ verklagen.

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  2. man spürt beim lesen richtig den dumpfen druck in der brust des kindes.
    und erinnert sich unweigerlich an dieses spiel aus dem kindergarten. Eigentlich eine Katastrophe, was das für Texte waren, die noch in den Sechzigern gedankenlos wiederholt wurden.

    Aber das Strickhoserl, für das könnte man mittlerweile viel Geld bekommen, auf E-bay.

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    1. Ja, gnadenlose Texte, die man nie hinterfragt hat…

      Das obige Strickhoserl 🙂 habe ich übrigens ergoogelt. Es ist sozusagen ein Symbolfoto. Das Original sah viel antiker aus. Ich musste es gewaschen und gebügelt wieder bei der Tante abliefern.

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  3. Ach je, ja so war das damals… als ich des Strickhoserls angesichtig wurde – noch ehe ich Ihren Beitrag las, schnickte aus dem trüben Sumpf meiner Kindheitstraumata ein Bekleidungsstück hoch, welches bei mir für eine langanhaltende Serie von Alpträumen sorgte: Ein Badeanzug.
    Ich wollte soooo gerne ins Schwimmbad, aber es gab kein Geld für einen Badeanzug. Ich war sechs oder sieben Jahre alt, ganz genau weiß ichs nicht mehr, und dank elterlichen Trainings schon heftig „gschamig“. Selbst wenn es also die öffentliche Ordnung damals zugelassen hätte (was sie nicht tat…) wäre an „oben ohne“ oder gar Nacktbaden nicht zu denken gewesen. Meine Oma, die mich ansonsten eher nicht so gerne mochte, erbarmte sich und häkelte mir aus altem aufgeribbeltem Baumwollgarn einen wunderschönen weißen Badeanzug. Stolz wie eine Spanierin und mit Eintrittsgeld, Trinkflasche und zwanzig Pfennig Taschengeld versehen ging ich tags darauf in die örtliche Badeanstalt.
    Das Vergnügen währte nur kurz, nämlich bis zum ersten Verlassen des Beckens. Ich selbst war guten Mutes und schwungvoll das Leiterchen hinauf gekrabbelt, aber der Badeanzug hielt von diesen Plänen nichts. Vollgesogen mit Wasser hing das schwere Ding an den langgezogenen Trägern und entblößte mich bis unter den Bauchnabel.
    Es war ein kompliziertes Verfahren mit dem es mir dann doch noch gelang, meine Scham zu bedecken, das kühle Nass zu verlassen, mich wieder anzukleiden und mich mit hängendem Kopf auf den Weg nachhause und in einen heißen, trostlosen Sommer zu machen.

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  4. BRR! Das ist wirklich eine fiese Geschichte!
    Ich selbst bin „Dank“ meiner Oma auch noch in den zweifelhaften Genuss der damaligen, grauslichen Erziehungsmethoden gekommen, und Deine Geschichte hat mir mit einem Schlag einen Alptraum erklärt, den ich als Kind hatte, und der mir noch heute ganz klar wie ein Film vor Augen steht.
    Meine Oma hat mir natürlich den Struwwelpeter reingedrückt, und die für mich schlimmste Geschichte, das schlimmste Bild war das, als das unbefugt mit den Streichölzern spielende Kind in Flammen aufging.
    Das war denn auch das Bild in dem Traum, ein rennendes Kind, das von einem brennenden Auto verfolgt wurde und plötzlich selbst brannte, und dann das Bild eines Kindersargs in einer dunklen Kirche.
    Der Traum kam mehrere Male und ich wachte schreiend auf, und wage inzwischen zu behaupten, daß ich mir damit ein gutes Teil meiner lange dauernden Schlafstörungen eingehandelt habe.

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    1. Die Passion Christi ich hatte eine nachbarin, in meinem alter die, bei jedem besuch, mir ausführlichst die leiden christus am kreuz erzählte, aber derart ausführlich und detailliert, dabei geriet sie in eine art rausch und genoß es, die schmerzen nachzuvollziehen.
      es war gruselig.
      ich werde nie, und selbst in höchster not, jemals zum katholizismus zurückkehren, das hab ich ihr zu verdanken!

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    2. Ja, ich hab mir auch als Kind oft überlegt, warum sie den Jesus angenagelt haben und warum er trotzdem ein REtter sein soll, wo er sich nicht mal selber retten konnte. Vor allem aber, warum ihn sein allmächtiger Vater nicht gerettet hat. Mein Vater hätte das bestimmt auch ohne Allmacht viel besser hingekriegt. Glaubte ich damals. Als Kind. Aber mein Vater konnte sich dann auch noch nicht mal selber retten.
      Zum Christentum habe ich dennoch nicht wieder zurückgefunden, obwohl es Zeiten gab in denen ich mir genau das wünschte, und sei es nur, weil ich die gleiche glückhafte Bräsigkeit haben wollte wie diese Jugendbündler.
      Das hat sich zum Glück gelegt. Jetzt bin ich alt genug, mich frei zu fühlen und auf die Art religiös zu sein, die mir zu entsprechen scheint.

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    3. Ach Gott! Ich hätte es wissen müssen, daß Du die Bilder noch mal hervorholst.
      Beim Ansehen der Geschichte sass ich plötzlich wieder in diesem dunklen Zimmer der Oma, und fühlte beim Lesen der Zeilen das selbe Grausen. Am schlimmsten war es dann beim letzten Bild, das Häuflein Asche.
      Das war jetzt zwar kurz richtig schlimm, und ich habe dolle Herzklopfen bekommen, aber, eigentlich, DANKE, denn von selbst hätte ich mir das nie wieder angekuckt, und eigentlich ist es gut so. Ich habe erst vor kurzem in der Therapie herausgefunden, daß ich im Haus meiner Grosseltern durch verschiedentliche Grenzüberschreitungen traumatisiert wurde, an manche kann ich mich vage erinnern, und dieses jetzt war ein weiteres Bausteinchen, und erklärt mir ein bisschen besser, warum ich gerade von diesem Zimmer lange noch Alpträume hatte.
      Ja, Danke!

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    4. Doch heute kannst du dich abgrenzen. Hoffe ich doch sehr! 🙂

      Bei mir und meinen Schwestern war es lange Zeit das Dohlenmännchen, das uns Angst und Schrecken bereitete. Ausgangspunkt war eine Puppenspiel- oder Trickfilmsequenz, welche wir im neuen Fernseher sahen, eine Figur mit einem Messer zwischen den Zähnen, die in der Kanalisation einem verschwundenen Ball folgt. Noch gefühlte Jahre später musste nur eines von uns Mädchen das Wort Dohlenmännchen sagen, und wir saßen bibbernd beieinander im Bett.

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    5. Ja, so langsam lerne ich es, und gerade solche Sachen, das nochmalige Ansehen, helfen mir dabei!
      (Puh, auch wenn gerade immer mehr Erinnerungen hochkommen, und ich hier mit Tränen in den Augen sitze…)
      🙂 und :-X (inniges)
      Gute Nacht

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    6. 1845 erscheint der Struwwelpeter noch unter dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3-6 Jahren“.

      Manchmal tut es gut, ein bisschen um sich, und das was ungut war zu weinen. Trotzdem wünsche ich dir eine ruhige Nacht mit sanften Träumen. 😡

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    7. Guten Morgen, Du Liebe! tatsächlich habe ich heute Nacht, wie so oft, wenn die Seele bei mir arg arbeitet, gefühlte 7h komplett wirres Zeug geträumt. Nicht direkt Aplträume, aber stressiges Zeug, bunt, viele Menschen, schwierige Situationen. Es ist, als hätte ich gestern eine weitere, verstaubte Kiste vom Dachboden (bzw. Keller) geholt, und deren Inhalt hat sich komplett in meinen Schlaf ergossen. Fühlte sich heute morgen, auch wenn ich ziemlich erschöpft aufgewacht war, befreiend an, und ich fühle mich angenehm befriedet.
      Mit dem Traurigsein ist das so, ich bin froh, daß ich es wieder fühlen kann. Ein für mich gutes Zeichen, daß ich die Depression nicht mehr so „brauche“, um für mich schwierige Gefühle nicht wahrnehmen und aushalten zu müssen.
      War schon alles richtig so!
      🙂

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    8. Da bin ich aber froh! Mir ist heute Nacht auch noch eine andere Geschichte vom Weg in den Kindergarten eingefallen. Weshalb auch immer, ging ich eines Tages etwas weiter entfernt von den anderen Kindern. Plötzlich kam ein Mann aus dem Gebüsch und sagte, dass in dem kleinen Wäldchen zwischen dem Weg und dem Fluss ein toter Vogel sei, ob ich ihn mir nicht anschauen wolle. Ich war neugierig. An einem dicken Baum drehte er sich dann um und präsentierte mir ein riesiges bleiches Ding. Ob ich es nicht anfassen wolle… Filmriss. Ich weiß nur noch, dass ich das niemandem erzählt habe.

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    9. Uah, heftig! Filmriss? Ich hoffe, Du bist da heil wieder rausgekommen!
      Mir ist die obergleiche Situation passiert, inclusive Text, allerdings in einem ganz anderen Rahmen, über den ich hier nicht reden kann, bin schreiend geflüchtet und hatte da wahrscheinlich einen der ersten hysterischen Anfälle meines Lebens.
      Bei mir steigen heute auch noch immer weiter Erinnerungen hoch, und ich muss aufpassen, daß ich mich nicht zu sehr darin verliere.
      Ich drück Dich!
      :-XXX

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    10. Struwwelliese war auch meine „Leitkultur“. Habs in allen Richtungen ziemlich gut hingekriegt mit der Nachahmung, das mit der abschließenden Verwandlung in einen Ausbund an Ordnungsliebe und Nettigkeit habe ich aber dann doch lieber bleiben lassen.

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    11. Oho, Madame Öschenie, da haben Sie aber jede Menge Dusel gehabt, dass Ihre Erziehungsberechtigte keine Frischluftfanatikerin war.
      Bei uns daheim flog das Zeug ab meinem sechsten Geburtstag aus dem Fenster, sobald ich einen „Das räumst du auf bis spätestens…“ Termin nicht eingehalten hatte. Ungeachtet mißlicher Wetterbedingungen wie: Regen, Schnee, Sturm oder ein Hagel schadenfroher nachbarschaftlicher Neugierblicke.

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    12. Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug.. die hatte ich auf Schallplatte und sie war sehr grausam!! Man hörte das Knistern des Feuers, das hämische Lachen der katzenund die Schreie von Paulinchen, die immer schriller und schrecklicher wurden, bis sie schließlich verstummten..
      Ich hatte wochenlang Alpträume, aber gelehrt hat die geschichte mich nichts.. ich spiele heute noch gerne mit Feuer..!
      Danke für die Alpträume, die ich dank Ihnen die nächste Zeit wieder haben werde..! 😉

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