Rollenverhalten

„Da entscheiden sich zwei Artisten, miteinander eine Nummer zu erarbeiten und damit zu reisen. Sie entscheiden sich nicht aus Zwang, sondern freiwillig. Dann klären sie, wer nach Anlage oder Neigung mehr der Untermann ist, und wer durch die Luft fliegt. Ist diese Entscheidung gefallen, muss der eine Muskeln aufbauen, darf der andere nicht zunehmen. Wenn einer der beiden sich nicht rollengerecht verhält, nutzt er zwar seine Freiheit. Nur, die Nummer gibt es halt nicht mehr.“ (Werner Schneyder, 2008, Krebs, S.36)

17 Kommentare zu „Rollenverhalten

  1. Erstaunliche Weltsicht, das erklärt vielleicht auch, warum der Mann so erfolgreich war und ist. Die Welt ist eine Manege. Wir sind ja nur die Zuschauer und er der Akrobat. Leider habe ich in den Vorstellungen von seinem Untermann (besser Unterfrau) nie etwas bemerkt.
    Das scheint ja fast so, als ob er durch die Schilderung ihres Leidens bis zum Tode, sie nun endlich auch ins Rampenlicht bringen möchte.
    Na ja.

    lieben Gruß in den Sonntag

    Harfim

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  2. Den Vergleich finde ich überhaupt nicht gut gelungen. Erstens ist eine Partnerschaft a priori keine Zirkusnummer, und zweitens wäre z.B. der Vergleich mit einem Pferdegespann, das den Karren gemeinsam durch die Furt zieht, viel zutreffender. Herrn Schneyders Nummer ist ein Fuffzigerjahre-Klischee, ein Helmut & eine Hannelore Kohl sind mit der schon aufgetreten. Gruselig.

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    1. Also gruselig fand ich’s jetzt nicht gerade, aber in heutiger Zeit natürlich recht untauglich. Ich schätze Werner Schneyder sehr und glaube nach der Lektüre schon, dass das Bild für diese Ehe stimmig ist – mit dem üblichen Vergleichs-Hinken. Haben Sie das Buch gelesen?

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  3. Tucholsky sah das so Die arme Frau

    Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?

    Du lieber Gott, da seid mir still!

    Ein Don Juan? Ein braver, schlichter

    Bourgeois – wie Gott ihn haben will.

    Da steht in seinen schmalen Büchern,

    wieviele Frauen er geküßt;

    von seidenen Haaren, seidenen Tüchern,

    Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst …

    Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe,

    den anonymen Veilchenstrauß!

    Es könnt ihn stören, wenn er schliefe.

    Denn meist ruht sich der Dicke aus.

    Und faul und fett und so gefräßig

    ist er und immer indigniert.

    Und dabei gluckert er unmäßig

    vom Rotwein, den er temperiert.

    Ich sah euch wilder und erpichter

    von Tag zu Tag – ach! laßt das sein!

    Mein Mann? mein dicker Mann, der Dichter?

    In Büchern: ja.

    Im Leben: nein.

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  4. Daraus gelernt: ich mache meine eigene Nummer und freue mich immer, wenn sie zufällig mit der Nummer des Nebenmenschen gut zusammenpasst.
    In einigen Fällen klappt das schon viele Jahrzehnte lang ganz hervorragend. Dankbar wird man da für’s Können und für’s nicht Müssen.
    Nebenbei @herrn nömix: was wäre eine bessere Zirkusnummer als eine gelungene Beziehung: Equilibristik vom Feinsten, perfekte Raubtierdressur und zwischendurch immer wieder ein gelungener Clownauftritt – mal ist’s der dumme August und mal der traurige Pierrot.

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