Die Singlefrau*

Der französische Soziologe JEAN-CLAUDE KAUFMANN liefert in seinem Buch ‚Singlefrau und Märchenprinz’ (2002) eine Innenansicht des weiblichen Singles und entwickelt seine Theorie der „Flugbahn der Autonomie“. (S.159 ff.)

Zentrale Quelle für seine qualitative Studie über die Einsamkeit und Zerrissenheit moderner Frauen sind 153 Briefe. Ein Großteil dieser Briefe kam unaufgefordert von Leserinnen der französischen Zeitschrift ‚Marie Claire’ auf einen Artikel über eine alleinstehende Frau. Die Schreiberinnen waren zwischen 18 und 53 Jahre alt und bildeten keine repräsentative Stichprobe. Was die gesellschaftliche Position betraf, wiesen sie allerdings eine gute Verteilung auf. Auch Frauen aus einfacherem Milieu ließen sich von „der Schriftlichkeit“ nicht abhalten. (S.228) Trotzdem war eine leichte Überrepräsentation von Akademikerinnen zu verzeichnen. Viele waren ledig, etliche geschieden, einige alleinerziehend. Die Briefe zeugen von intensiven Auseinandersetzungen mit dem Alleinsein und spiegeln die Gedanken, Ängste und Erwartungen von Frauen, die im Spannungsfeld von Individualität und Selbstbestimmung einerseits, und dem Wunsch nach einem Partner andererseits leben.

Als zentral stellt er die in unserer Gesellschaft fest verankerte und verinnerlichte Norm des Lebens als Paar dar, welche bei der Singlefrau zum einen in dem bereits erwähnten „erhobenen Zeigefinger“, und zum anderen im Bild des ersehnten Märchenprinzen ihren Niederschlag findet, der je nach Anforderung des Augenblicks ein anderes Gesicht bekommt, beispielsweise das eines braven Ehemannes und liebevollen Papas für den „kleinen Prinzen“. (S.98) Wenn aber der Wunsch nach Autonomie die Oberhand behält, ist er umwerfend und von irrealer Perfektion, gestützt vom Verliebtheitsideal, das sich nicht mit Mittelmäßigkeit abfindet.

Die Singlefrau beschreibt er als zerrissene Frau, zerrissen zwischen radikal verschiedenen Lebensentwürfen, zwischen dem Drang nach Autonomie mit den Möglichkeiten eines geradezu grenzenlosen Daseins und dem Druck der heimlichen Norm, beziehungsweise einer ersehnten Ruhe, die in die Identität als hingebungsvolle Ehefrau und Mutter hineinlockt:, in das heimliche Modell für das Privatleben „Mann, Kind, Haus“ (S.98)

Das Portrait

Der Blick auf sich selbst

Durch die Zwiespältigkeit in ihrem Leben ist die moderne Singlefrau immer wieder Turbulenzen ausgesetzt und bewegt sich mit starkem Blick auf sich selbst ständig zwischen gegensätzlichen Polen hin und her. Diese Selbstreflexivität speist sich aus dem „Übel der fehlenden Grenzen“. (S.103) Wenn dies weniger als Übel empfunden wird, ist die Grenzenlosigkeit ein Quell aufregender Freiheit, sich selbst zu erfinden. Das allgemeine Modell für das Privatleben bietet dagegen zwar beruhigende Grenzen, bedeutet aber Verzicht auf Kreativität in Bezug auf das eigene Leben.

Die Singlefrau beschäftigt sich ständig mit Fragen über sich selbst und zu dieser „komischen“ Existenz. (S.104) Wenn das Modell akzeptiert wird, lautet die oft mit Tränen verbundene Frage: Warum bin ich davon ausgeschlossen? Wenn die Autonomie positiv erlebt wird, dreht sich die Selbstbefragung oft um die Norm und den Druck des gesellschaftlichen Modells.

Der Blick auf sich selbst bedient sich gerne zahlreicher Bücher. Und vor allem das eigene Buch – das Tagebuch – ist für viele Frauen ein wichtiger Verbündeter. Die Wahrsagerin, die nicht selten von Singlefrauen konsultiert wird, ist ebenfalls ein Werkzeug des Blicks auf sich selbst. Ihre Botschaft ist recht zuverlässig der „gesellschaftliche Code“: Liebe, Heirat, Kinder – das bekannte Modell für das Privatleben – was oft eine Hälfte des Selbst beruhigt. Denn fällt die Liebe wirklich von Himmel, wie die Wahrsagerin vermittelt, dann genügt es ja, einfach darauf zu warten. Solange kann man sein Leben ganz nach seinen eigenen Vorstellungen leben. Und daran kann auch die andere Hälfte Gefallen finden. (S.113 ff.)

Drinnen

Das wichtigste Refugium ist für viele Frauen das Bett, ein weiches und mit einem verbündetes Möbelstück, das sich anschmiegt, Schutz gibt, Entspannung und Trost bietet, gemütliche Vormittage im Bett, Freiheit und fötale Regression. Es ist aber auch ein Symbol für das Paar. Das Bett wird am Abend eher ungemütlich, und dem Nachdenken über sich selbst kann man dort auch nicht entkommen.

Auch der verlassene Esszimmertisch kann zum Feind werden, weil das gemeinsame Essen in der Familie ein für die Konstruktion der häuslichen Gemeinschaft sehr wichtiges Ritual ist. Dieses Ritual wird dekonstruiert, indem zu ungewöhnlichen Zeiten, nach Lust und Laune meist herumgeknabbert wird.

Die Regression fördert auch die häusliche Revolte, das Aufbegehren gegen die gesellschaftliche Rolle der Frau, gegen alle Normen und Konventionen. Es ist ihr ein Vergnügen, keinerlei Kollektivzwang zu unterliegen. Gerade das führt ihr die Vorzüge des Single-Daseins immer wieder deutlich vor Augen – Sich-Gehenlassen, alles ist möglich, keiner schaut zu. Das Leben erscheint leicht, weil es so einfach ist, spontan die Richtung zu ändern. Aber die andere Seite zeigt das Leiden an dieser Leichtigkeit. Das Leben erscheint dann leer. Man ist nirgendwo richtig eingebunden. (S.116-128)

Draußen
Dieses Gefühl der Leere drängt die Singlefrau zum Ausgehen, oft ganz plötzlich, um der Zerrissenheit des Selbst im eigenen Heim zu entfliehen. Singlefrauen gehen besonders gern zum Einkaufsbummel, zum Sport, mit Freundinnen ins Café und sehr häufig ins Kino. In der Öffentlichkeit ist sie eine unter vielen. Doch wenn sie sich zu viel im Draußen bewegt, kann das zum Gefühl von „reinem Füllwerk, zu identitärer Flüchtigkeit und Müdigkeit“ führen. (S.131)

Beziehungen hat die Singlefrau zur Familie, manchmal zu einem Liebhaber und vor allem zu Freundinnen. Das Beziehungsnetz ist sehr flexibel, offen, vielfältig und groß. Es ist dadurch ziemlich effektiv, aber „es fehlt ein dichtes, stabiles Zentrum.“ Oft füllen die Freundinnen in einer ersten Phase die Rolle dieses Zentrums aus. (S.133) Mit der Zeit jedoch neigt diese Gruppe dazu, sich aufzulösen oder inhaltlich zu verändern. Die Eltern leben auf einem anderen Planeten, dem „Planeten der Normalen“, der mit dem oftmals eher besorgten „erhobenen Zeigefinger“ auf einen deutet. Einen wirkungsvollen Ausgleich und starken Identifikationspunkt bietet vielen Singlefrauen die Arbeit. (S.135)

Männer und Sex
Was der Singlefrau meist mehr fehlt als Sex, ist der stützende Arm, beziehungsweise die sprichwörtliche Schulter zum Anlehnen oder/und beide starken Arme, in die sie sich hineinschmiegen kann. Das Bedürfnis nach Sex tritt wesentlich unregelmäßiger auf, überlagert manchmal das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit und fügt diesem Bedürfnis eine lebhaftere Dimension hinzu. Es kann aber auch sein, dass sich das Bedürfnis nach Sex in manchen Biografien besonders stark manifestiert, wenn eine Trennung etwa „Auslöser für eine rauschende Entdeckung körperlicher Freiheiten“ ist. (S.143)

Wenn die Singlefrau beschließt auszugehen, begibt sie sich von ihrer Traumwelt in die Wirklichkeit. Gerade in der Einstimmungs- und Vorbereitungsphase erlebt sie oft intensive, aufgeladene, vergnügliche, fast glückliche Momente, bis sie später realisiert, dass der Traummann nicht da ist – wieder nicht. Wenn „dieser Trick“ zu oft angewendet wird, wird die Männersuche zu einer traurigen, aber irgendwie notwendigen Routine.

Das Anspruchsniveau der Singlefrau ist hoch. Und je positiver sie ihre Gegenwart bewertet, umso höher ist es. Der „absolut perfekte Mann“ muss es dann sein oder gar keiner. (S.148) Diese Anspruchshaltung senkt natürlich zu dem bereits besprochenen ökonomisch-strukturellen Ungleichgewicht auf dem „Ehemarkt“ die Zahl „ernstzunehmender Kandidaten.“ (S.149)

Beide Geschlechter haben zudem oft ganz unterschiedliche Erwartungen an den anderen. Der Mann erwartet eher Sexualität und die Übernahme des Haushalts. Die Frau will eher Unterstützung und intime Kommunikation. Überhaupt sind ihre Erwartungen an die Beziehung traditionell höher. Der Gegensatz spitzt sich mit der Zeit noch zu, und nach längerem Warten scheint es gar keine geeigneten Kandidaten mehr zu geben. Es kommt dann vielfach zum Rückzug und zur Schwarzmalerei. Und was man anderen vorweg hat, wird nicht mehr gesehen.

„Tolle Typen“ sind rar und meist verheiratet, stehen aber zeitweilig als Abenteuer zur Verfügung. So findet sich die Singlefrau häufiger in der Rolle der Geliebten oder sogar der Dauergeliebten. (S.154)

Die Flugbahn der Autonomie

Beim Begriff der Flugbahn geht es um die Kraft, die das Individuum in eine Lebensgeschichte hinein lenkt, welche dann ihre Logik abspult. Die Soziologen der Chicagoer Schule wandeln den Begriff häufig in den der ‚Laufbahn‘ um. Sie verstehen die biografische Entwicklung als Kreuzung von inneren Prozessen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. (KAUFMANN, 2002, S.161)

Sich selbst sein
KAUFMANN möchte das Gesellschaftliche jedoch nicht nur auf die Interaktionen beschränken, sondern zugleich eine historische Dimension miteinbeziehen. Von zentraler Bedeutung ist für ihn der ‚historische Vorwärtsdrang’. Gemeint ist, dass Personen durch ihre Taten den Prozess der Geschichte vorantreiben, und sie zugleich, meist unbewusst, zu Vorreitern von etwas macht. Er geht von einem „ununterdrückbaren Drang, sich selbst zu sein“ aus, (vgl. auch CARL ROGERS, 2000, S.164 ff.) anhand dessen sich der Vorwärtsdrang der Geschichte manifestiert. (KAUFMANN, 2002, ebd.)

Die Veranlagung
Welche Menschen sind es, die als Singles durch die Welt gehen? Und warum? Im Volksmund werden Charakterzüge für ausschlaggebend gehalten: „Der verklemmte Schüchterne“, „der berechnende Egoist“, „die alte Jungfer“ etc. Laut KAUFMANN gibt es für diesen Lebensstil schon eine gewisse Veranlagung, Charakterzüge allein reichen aber niemals aus. Veranlagungen, die das Alleinleben fördern, lassen sich zwei entgegen gesetzten Polen zuordnen: „Man will, aber kann nicht“ – der Schüchterne; oder „man kann, aber will nicht“ – der Selbstbewusste. Ein Zuwenig oder auch ein Zuviel an Selbstbewusstsein kann seiner Ansicht nach also auf unterschiedlichen Wegen mit ins Singledasein führen. (S.174)

Der unbestimmbare Sog
Dieser Sog entspringt einem „unbestimmbaren, gesellschaftlichen Drängen“ und oft dem zutiefst empfundenen Wunsch, sich selbst zu sein, was bei Frauen, so sagt KAUFMANN, viel häufiger der Fall sei, als bei Männern. (S.175) Kreativität ist das förderlichste und zentrale Moment für die Flugbahn der Autonomie. Daher ist es nicht weiter erstaunlich, dass sehr viele Künstler Singles waren und sind. Bei vielen alleinstehenden Frauen besteht jedoch eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Potential, das sie vage in sich spüren und der konkreten Umsetzung.

Über eine kleine Gruppe von freiwilligen Singles hinaus, die es versteht, in vollen Zügen von dem zu profitieren, was ihnen dieses Leben bietet, „wird eine große Zahl von Individuen wider Willen mitgezogen.“ (S.178) Ein zusätzliches Motiv trotzdem weiterhin ein Single-Dasein zu führen, ist Verweigerung. Das eigene Leben wird mit einem Leben in einer Beziehung verglichen, um zum Beispiel den Schwächen des Familienmodells nachzuspüren. Dabei wird nicht die Familie als solche, sondern als eine bestimmte Daseinform, abgelehnt. Ein weiteres Motiv ist Anspruch. Eine Frau, die sich in einem autonomen Leben gut eingerichtet hat, wird tendenziell ganz konkret abwägen, was ihr dieser oder jener Mann, dem sie begegnet, dagegen zu bieten hat.

Warten
KAUFMANNs grobe Typologie unterscheidet ‚galoppierende Pferde’, als freiwillige Singles von ‚Dinosauriern der Liebe’, den Singles wider Willen. Erstere sind aktiv und pflegen ein breites, offenes und wechselndes Beziehungsnetz. Letztere leben oft in einer engen, lokalen, stabilen und geschlossenen Beziehungsstruktur. Sie verzehren sich nach Liebe, die in ihrer Sicht absolut und heilbringend ist und vom Himmel fällt. Ist die Identität geschwächt, drängt sich das Warten in den Vordergrund und betont die negativen Seiten ihrer Existenz. Der Traum von Mann, Kind, Haus wird zur Obsession.

Kontakte und Beziehungen herzustellen erfordert eine besondere Kompetenz. Lebt man allein, muss man um einiges mehr Einsatz zeigen, um in den Genuss eines sozialen Lebens zu kommen. Armut und wenig soziale und kulturelle Ressourcen korrelieren mit einem begrenzten und engen Beziehungsnetz.

Das Leben lediglich aus einer Perspektive des Mangels wahrzunehmen, ist die Folge einer radikalen, passiven Wartehaltung, einer Vorstellung von Zukunft als reinem Schicksal. Wenn der Märchenprinz eines Tages tatsächlich kommen sollte, um einen aus diesem unerträglichen, leblosen Leben zu befreien, dann liegt das daran, dass es „irgendwo geschrieben steht“ (S.194). Diese Philosophie verfängt sich in der Dichotomie: Das Nichts – die Einsamkeit; oder der Prinz – die Befreiung. Doch wenn von letzterem zu viel erwartet und er zu sehr idealisiert wird, wird er unerreichbar, was wiederum dazu führt, dass sich die Leere noch verstärkt.

Der Teufelskreis führt vor Augen, dass das Alleinleben in Verbindung mit speziellen Denkmustern und Gewohnheiten in der Einsamkeitsfalle endet. Verschärft wird diese Problematik zusätzlich, wenn weitere Handlungsräume abhanden kommen: Keine Arbeit, keine Familie, keine Wohnung – der Weg in den negativen Individualismus. Obdachlose und Vagabunden zeigen, dass eigentlich „nur der positive Pol der Autonomie mit Sinn ausgestattet ist.“ (S.198)

Auf der Suche nach Selbstsicherheit
Nach dem Unbehagen des kritischen Blicks auf sich selbst, entsteht der Drang, sich wieder auf positive Weise und als in sich Ganzes zu konstruieren. Die Flucht oder der Ausgehdrang ist die Strategie der ‚galoppierenden Pferde’ und hat „eine direkte therapeutische Funktion“ (S.200), um Selbstzweifel zu beseitigen und das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Diese Art therapeutischer Flucht verlangt Energie, Willenskraft und teilweise auch Zwang. Dabei hat der Tatendrang nicht immer ein bestimmtes Ziel im Auge. Man geht aus, um sich besser zu fühlen oder einfach, weil man ausgehen muss. Die Befriedigung besteht dann möglicherweise allein in der Pflichterfüllung.

Der Tatendrang löst eine Kette von Mechanismen aus, aufgrund derer man draußen den Anschein erweckt, man sei glücklich. Diese Logik bringt Frauen dazu, ihre Identität auf der Grundlage des Blicks der anderen zu konstruieren. Gelingt dies nur als Karikatur kommt es zum negativen „Panzereffekt“: Ein Gefühl der Lüge, von Gespaltensein zwischen einem wahren und einem falsches Selbst verschärft sich. Anders der positive „Panzereffekt“: Ist er erst einmal zur Gewohnheit geworden, fügt er der positiven Identität immer mehr „Fleisch an die Knochen“ (S.205) und transformiert sich zu einem authentischen Teil des Ichs. Die Singlefrau bemüht sich, immer perfekter zu sein. Doch mit zunehmender strahlender Selbstsicherheit wird auch das Eingehen von Beziehungen erschwert. Der Anziehungskraft wirkt die Unerreichbarkeit entgegen. Sie ist zu beeindruckend, zu perfekt und kommt nicht mehr als Partnerin in Frage. KAUFMANN bezeichnet dies als „das Paradox des schönen Scheins.“ (S.206)

Die radikale Vision vom autonomen Leben macht Angst. Daher wird häufig versucht, einen Kompromiss zu finden, um das Ziel zwar weiterhin zu verfolgen, aber die Brücken zur traditionellen Identität in der Gesellschaft zu bewahren. Eine Strategie ist, die Autonomie intensiv, aber nur als vorübergehende Jugendphase zu leben. Eine andere Strategie ist die kontrollierte Gespaltenheit zwischen der Superfrau draußen und der vom Prinzen träumenden Frau drinnen. Ein dritter „Trick“ ist das begrenzte Sich-Einlassen, eine Haltung zwischen radikaler Selbstsicherheit und Rückzug in die Behaglichkeit des Gewohnten. Das ist eine Autonomie, die nichts mehr erwartet und häufig zur Haltung im Alter wird. (S.209)

Trotz aller Strategien ist intuitiv ein virtueller Sozialisationsrahmen weiter präsent und verstärkt ein Gefühl von Defizit. Die starke Norm für das Privatleben hält aber zurück. Doch Gleichberechtigung ist in diesem Modell „nur schwer zu verwirklichen.“ Denn noch ist die aufopfernde Hingabe der Frau die Grundlage der Familie und damit der Gesellschaft. Wenn Aufopferung mit Autonomie ersetzt wird, könnte laut KAUFMANN das Fundament der Gesellschaft einstürzen. (S.210)

Autonomie mit Begleitung – Eine Vision
Die Männerfrage spielt auch bei eindeutig autonomen Frauen eine Rolle. Für sie gilt es, einen Kompromiss zu finden, indem sie versuchen, ihre Autonomie und Selbständigkeit intensiv zu leben, sich gleichzeitig aber ein kleines Stückchen Paar zu bewahren. Dahinter stecken unterschiedliche Arrangements, die aber alle darauf beruhen, sich nur teilweise auf die Beziehung einzulassen, und diese auf bestimmte Räume und Zeiten zu beschränken, jenseits derer das Singledasein beibehalten wird.

Diese „perforierten Paare“ stellen für KAUFMANN die Alternative zwischen dem Modell für das Privatleben und den radikaleren Flugbahnen des Single-Daseins dar. “Wer einen Blick in die Zukunft der Gesellschaft tun will, kommt nicht umhin, sich die Bettgeheimnisse dieses Vagabundierens irgendwo zwischen Liebe und Freundschaft genauer anzusehen. Denn vielleicht entscheidet sich hier ein wichtiges Datum unserer Zukunft, und diejenigen, die diese Autonomie mit Begleitung leben, sind – ohne es zu wissen – Erfinder der Zukunft.“ (S.214)

In dem Bild des Märchenprinzen sieht KAUFMANN nach Anfangsschwierigkeiten auf den zweiten etwas wohlwollenderen Blick eine mögliche Instanz, ein Instrument, das analog zur einstigen höfischen Liebe, durch die Übung der reinen Liebe, zu Heldentaten auf der Flugbahn der Autonomie animiert. (S.224)

*Dieser Beitrag wurde hier schon einmal im Rahmen meiner Diplomarbeit veröffentlicht.

Beziehungswelten und Beziehungsmärkte*

Spätmoderne Beziehungswelten

Unsere Beziehungswelten haben sich in wenigen Jahrzehnten enorm verändert. Heute wird seltener geheiratet, und wenn, dann erst später. Das Erstheiratsalter ist stark angestiegen. Unter den 25- bis 44-jährigen frisch Verheirateten stieg das Durchschnittsalter auf 33,7 Jahre bei den Männern und auf 32,7 Jahre bei den Frauen. (STATISTISCHES BUNDESAMT, 2005, S.19) Neben der Ehe etablieren sich verschiedene Formen nichtehelicher Beziehungen. Besonders ausgeprägt ist die Entwicklung bei den Lebensgemeinschaften: Von 1996 bis 2004 hat sich ihre Zahl um 34% erhöht. Trotzdem ist ihr Anteil an allen Paaren in Deutschland laut Mikrozensus 2004 noch nicht hoch. Nur jedes zehnte Paar lebt in einer nicht ehelichen Lebensgemeinschaft. Der Anteil an gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ist ebenfalls gestiegen, dennoch verhältnismäßig wenig verbreitet. Besonders deutlich waren die Rückgänge an Eheschließungen unter den 25- bis 44-Jährigen. In dieser Altersgruppe ging der Anteil seit 1991 bei Männern um weitere 13% auf 50% zurück, bei Frauen um 12% auf 60%. (S.18) Scheidungen sind noch häufiger geworden und finden immer früher statt. Trennungen führen auch dazu, dass immer mehr Kinder bei nur einem Elternteil, im Verhältnis 6:1 bei der Mutter aufwachsen. 2004 waren bereits 20% aller Eltern-Kind-Gemeinschaften alleinerziehend. (S.22) Die Institution Ehe hat ihr Monopol verloren, Beziehungen und Familien zu definieren und Sexualität zu legitimieren. (SCHMIDT, 2004, S.27)

Dieser Wandel von Beziehungen und Familien verändert, wie bereits erwähnt, die Gesellschaft einschneidender als die sexuelle Revolution der 68er, in der vor allem die verstaubte Sexualmoral hinweggefegt wurde und einschneidender als die Revolution der 80er, die durch die Frauenbewegung eingeleitet, selbstbestimmte, friedliche und herrschaftsfreie Sexualität thematisierte. SCHMIDT spricht nun von der dritten Phase der sexuellen Revolution: Freigesetzt von wirtschaftlichen Zwängen, traditionellen Geschlechterrollen und Arbeitsteilung ist Intimität und Emotionalität noch wichtiger geworden.

Beziehung pur
„Die reine Beziehung“ (nach ANTONY GIDDENS, 1994) zwischen gleichberechtigten Partnern in Freiheit und ohne gegenseitige Abhängigkeiten im Sinne von „Beziehung pur“ wird zur neuen, nur um ihrer selbst willen eingegangenen Beziehungsform mit hoher emotionaler Qualität. Sie besteht nur so lange, wie beide Partner sich darin wohl fühlen. Das macht Beziehungen natürlich instabil, denn die Ansprüche sind hoch. Beide müssen vielfältige Talente entwickeln, um die ständige “aktive und reziproke emotionale und kommunikative ‚Arbeit’“ in einer „durch und durch“ psychologisierten intensiven Beziehung zu leisten. (SCHMIDT, 2004, S.29) BECK spricht 1990 schon von der „Beziehungsarbeit im Dauerdialog“ und der „Tyrannei der Authentizität“. (S.123) Diese komplexe und nicht von Rollen gesteuerte Beziehungsform fällt Männern bekanntlich schwerer als Frauen, und es ist daher nicht verwunderlich, dass Frauen häufiger die Initiative zur Trennung ergreifen. Die Folge sind serielle Beziehungen, die mit seriellen Singlephasen abwechseln.

Neue Studienergebnisse

Das zeigt die letzte große Studie des Instituts für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. (SCHMIDT et al., 2003) Für ‚Beziehungsbiografien im sozialen Wandel’ wurden im Jahr 2002 776 Männer und Frauen aus Hamburg und Leipzig, die der Generation der 30-Jährigen, 45-Jährigen und 60-Jährigen angehören, ausführlich interviewt. Es ging dabei nicht um Ergebnisse, die repräsentativ für die gesamte Bundesrepublik sind. Die Untersucher unter der Leitung von GUNTER SCHMIDT konzentrierten sich auf die urbane Bevölkerung, da diese als Trendsetter gilt und langfristig Rückschlüsse auf Entwicklungen auch in ländlichen Gebieten zulässt. Die Städte Hamburg und Leipzig wurden ausgewählt, um einen Ost-West-Vergleich zu ermöglichen.

Serielle Monogamie und hohe Ideale

Die Leipziger wandten sich laut Studie erst später und nicht so drastisch von der Ehe ab. Und in Hamburg gibt es mehr 30-jährige Singles als in Leipzig. 30-Jährige haben mehr und kürzere Beziehungen und leben zwischendurch immer wieder als Single. Sie können jetzt schon auf mehr Beziehungen zurückblicken als die 60-Jährigen, das heißt sie haben mehr und kürzere feste Beziehungen, leben also in besagter „serieller Monogamie“. Trotzdem ist der Wunsch, dauerhaft mit einem Partner zusammen bleiben zu wollen, auch bei den Jüngeren ungebrochen. Doch mit dem Wunsch nach Beständigkeit konkurrieren die erwähnten Ansprüche an eine Beziehung.

Hedonistische Individualisten oder „Nebenprodukte“ der seriellen Monogamie?
Der Anteil dauerhaft „Beziehungsferner“, die lange Phasen als Single leben, für die das Single-Dasein eine Art Lebensstil und nicht eine reine Übergangsphase darstellt, ist über die drei untersuchten Generationen nicht angestiegen. (DEKKER & MATTHIESEN, 2004, S.50) Dagegen prognostizierte ULRICH BECK (1991), der den Individualisierungsbegriff in den 80er Jahren in die Debatte um gesellschaftliche Modernisierungsprozesse einführte, einen Anstieg der Einpersonenhaushalte in Großstädten auf 70%, als Ausdruck der weiter zunehmenden Individualisierung. Heute stagnieren die Zahlen eher. In den „single-reichen“ Metropolen Berlin und Hamburg liegt der Anteil bei 50%. (STATISTISCHES BUNDESAMT, 2005) Individualisierung reformiert auch Beziehungen und Beziehungsformen, und nur wenige hedonistische und selbstverwirklichungsorientierte Singles leben ganz bewusst ohne Partner. „Die Zunahme von Singles ist also tatsächlich nicht als Durchsetzung eines eigenen, beziehungsfernen Lebensstils zu werten, sondern als Ergebnis der großen Beziehungsfluktuation.“ (DEKKER & MATTHIESEN, ebd.)

Trennungen und Singlephasen

Die 776 Männer und Frauen berichteten über 2585 Beziehungen und 1422 Singlephasen im Laufe ihres Lebens. Das Kriterium für eine Beziehung war das Selbstverständnis der Partner, nicht das Zusammenleben, wie es beim Statistischen Bundesamt definiert ist. Nur 23% aller festen Beziehungen waren ehelich. Sie dauerten zwischen wenigen Monaten und 45 Jahren. Etwa 30% der knapp 2000 erlebten Trennungen führten übergangslos in eine neue feste Beziehung, 70% in eine kürzere oder längere Singlephase. Die Singlephasen variierten zwischen wenigen Monaten und 25 Jahren. Ein übergangsloser Neubeginn ist bei den 30-Jährigen etwas seltener als bei den 60-Jährigen und bei den Hamburgern etwas seltener als bei den Leipzigern. Da das moderne Muster der „seriellen Beziehungen“ bei den Hamburgern und den Jüngeren besonders verbreitet ist, schließen die Untersucher, dass dieses Muster die Bereitschaft erhöht, sich auch dann zu trennen, wenn nicht gleich wieder in einer neuen Beziehung Sicherheit gefunden wird. In allen Altersgruppen ergreifen Frauen häufiger die Initiative sich zu trennen: ca. 50% zu 33%. Bei 17% aller Trennungen ging die Initiative von beiden aus. (SCHMIDT et al., 2003, S.24)


Sexualität in spätmodernen Beziehungswelten

In festen Beziehungen bleibt sexuelle Untreue sporadisch. Nur jeder hundertste Geschlechtsverkehr findet außerhalb einer Beziehung statt. Auch Jüngere haben vor allem innerhalb der eigenen Beziehung Sex. Eine Ausnahme bilden homosexuelle Männer, die Sex auch häufiger außerhalb einer festen Bindung erleben. Insgesamt, sagt SCHMIDT, ist die Sexualität „im Griff fester Beziehungen“, und das muss nicht unbedingt besonders viel Sex sein. Mehr als ein Drittel der 30-Jährigen in Zweierbeziehungen hat nur ein- bis dreimal im Monat oder nicht einmal monatlich Sex mit dem Partner. Laut Studie fanden nur 5% „aller Geschlechtsverkehre“ bei Singles satt, obwohl diese 25% der Befragten ausmachten. (2004, S.32)

Das Märchen vom wilden Sexualleben der Singles

Das viel zitierte lockere Singleleben mit zahlreichen Liebesabenteuern und Sex nach Lust und Laune entpuppt sich offensichtlich als Mythos. Singles aller Alterstufen führen laut SCHMIDT ein eher „karges Sexualleben“. (2004, S.31) Für die meisten Jüngeren ist die Zeit als Single nur eine Zwischenphase bis zur nächsten Beziehung. Hedonistische Singles mit vielen wechselnden Sexualpartnern sind vergleichsweise eine Minderheit. Wenn man einen Single, der im letzten Jahr fünf und mehr Sexpartner hatte und mindestens einen Geschlechtsverkehr in den letzten vier Wochen, als hedonistisch bezeichnet, gehören 4% aller Singles in diese Kategorie. Die meisten finden sich bei den 30-Jährigen; bei Frauen und Männern gleich häufig. (SCHMIDT et al., 2003, S.28)

Sexualpraktiken
Nach Sexualpraktiken wurde ebenfalls gefragt. Oralsex bei den 30-Jährigen gehört zum üblichen Repertoire, und Selbstbefriedigung wird vor allem von den Jüngeren zunehmend als eigenständige Form der Sexualität verstanden, die neben der Partnersexualität „in friedlicher Koexistenz“ praktiziert wird. Sexualität hat sich laut SCHMIDT (2004) entdramatisiert. Sie wandelte sich vom mythenbeladenen, wilden Zusammenprall der Triebe zu einer nutzbaren „Ressource“. Was die Partner sexuell miteinander tun, wird jetzt „ausgehandelt“. (S.10) Bei den etwas ausgefalleneren Sexualpraktiken widersprechen die gefundenen Daten dem Bild, das die Medien gerne verbreiten. „Sex mit Mehreren oder im Swingerclub, Partnertausch, SM, Leder oder die Kleidung des anderen Geschlechts beim Sex tragen, werden nur von einer winzigen Minderheit (1% bis 3%) gelegentlich praktiziert.“ (SCHMIDT et al., 2003, S.19) Deutlich häufiger ist dagegen das Experimentieren mit Reizwäsche, Sex in der Öffentlichkeit, gemeinsamem Pornofilmkonsum, einem Dildo oder Kunstpenis oder harmlosen Fesselspielen. 30-Jährige sind experimentierfreudiger, vor allem als die 60-Jährigen. Männer und Frauen berichten etwa gleich häufig über diese Erfahrungen. Wenn man einmal davon absieht, dass die Leipziger eine größere Vorliebe für Reizwäsche haben, unterscheiden sich Ost und West nur geringfügig

Nachfolgende Tabellen zeigen die sexuellen Praktiken (in Prozent der Befragten), die a) jemals und b) im vergangenen Jahr zum Einsatz kamen. (aus SCHMIDT et al., 2003)

Beziehungsmärkte

Obwohl sich die ‚romantischen Liebe’, als Prinzip der Partnerfindung gegenüber ökonomischen Erwägungen in der Moderne weitgehend durchgesetzt hat, ist es auch heute noch eine Frage von Angebot und Nachfrage, ob man einen Partner findet. (HRADIL, 1995, S.80)

Einpersonenhaushalte
17% der Gesamtbevölkerung gelten laut Mikrozensus 2004 in Deutschland als allein lebend. Dabei ist für die Statistik das entscheidende Kriterium, ob eine Person für sich allein wirtschaftet. Diese Zahl sagt also nichts darüber aus, wie viele Personen in Einpersonenhaushalten auch tatsächlich ohne Partner oder Kinder sind. Zu den Einpersonenhaushalten zählen beispielsweise auch Paare mit getrennten Wohnungen („Living apart together“); unverheiratet zusammenlebende Paare, die getrennt wirtschaften; Verheiratete, die aus beruflichen Gründen einen Zweitwohnsitz unterhalten (Commuter Ehe); Alleinerziehende, deren Kinder nur zeitweise im eigenen Haushalt leben; und alle Bewohner von Wohngemeinschaften, die voneinander unabhängig wirtschaften.

Geschlechterverhältnisse
Frauen zwischen 25 bis 54 Jahren lebten wesentlich seltener allein, als Männer in vergleichbarem Alter. (STATISTISCHES BUNDESAMT, 2005, S.24) Männer und Frauen, die sich im frühen oder mittleren Erwachsenenalter trennen, unterscheiden sich nicht in der Dauer, die sie allein bleiben. Frauen, die sich nach dem 45. Lebensjahr trennen, nehmen laut der Hamburger Beziehungsstudie allerdings eine ausgeprägte Sonderrolle ein. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt auch fünf Jahre nach der Trennung noch allein. Entweder ist ihre Bereitschaft besonders gering, sich wieder zu binden, oder es ist für sie besonders schwierig, einen geeigneten Partner zu finden. Bei den 60-Jährigen leben in beiden Städten doppelt so viele Frauen wie Männer alleine (29%:14%). (SCHMIDT et al., 2003, S.24) Bundesweit ist das Verhältnis ähnlich, beziehungsweise steigt der Anteil allein lebender Frauen mit zunehmendem Alter rasch und stark an.

Dies hat mehrere Gründe: Die Frauen sind häufiger verwitwet, da sie eher ältere Partner mit geringerer Lebenserwartung haben. Männer haben es offenbar leichter, nach Verwitwung oder Trennung eine neue Partnerin zu finden, da höhere Altergruppen ihres Geschlechts auf dem Beziehungsmarkt knapp sind und sie zudem häufiger jüngere Partnerinnen wählen, beziehungsweise wählen können. Außerdem können Frauen dieser Altersgruppe ohne Beziehung besser zurechtkommen als Männer, und das Singledasein stellt für sie in diesem Alter häufiger eine akzeptable Alternative zu Beziehung und Ehe dar. (SCHMIDT et al., 2003, S.24-25)

Generell wächst für Frauen durch Bildung und Erwerbsleben die Unabhängigkeit von einem potenziellen Ehemann. Vor allem großstädtische Milieus mit ihrer geringeren sozialen Kontrolle werden überproportional von Singles besiedelt. Dort wachsen wiederum die Einflüsse, die immer mehr Menschen dazu bewegen, alleine zu leben. (HRADIL, 1995, S.79)

Obwohl das Verhältnis von Singlefrauen zu Singlemännern im heiratsfähigen Alter deutlich zugunsten der Frauen ausfällt, wird das Singledasein gerade von Frauen stark thematisiert und problematisiert. 1992 kamen, zusätzlich bedingt durch ungleiche Geschlechterproportionen der Jahrgänge, auf 100 ledige Frauen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr sogar 185 ledige Männer. (STATISTISCHES BUNDESAMT zitiert nach HRADIL, 1995, S.75) Das spricht auf den ersten Blick für ein relativ großes Angebot, aber vielleicht auch von ganz unterschiedlichen Ansprüchen und einer Kluft zwischen den Geschlechtern. Auch die Beliebtheit von alleinstehenden Filmheldinnen wie ‚Bridget Jones’* und den Protagonistinnen der Fernsehserien ‚Ally McBeal’* und ‚Sex and the City’*, bilden das starke Interesse an dem Thema ‚weibliche Singles’ ab.

Die ‚Harvard-Yale-Heiratsstudie’
Mitte der 80er Jahre schockierte in den USA die ‚Harvard-Yale-Heiratsstudie’. Forscher kamen zu dem Schluss, dass viele Frauen, die alles zu haben scheinen, wie gutes Aussehen, gute Jobs, höhere Bildungsabschlüsse und hohes Einkommen, nie einen Mann haben werden. Frauen mit College-Bildung, so hieß es in der ziemlich reißerisch interpretierten Veröffentlichung der Newsweek: ‚Too late for Prince Charming?’ (1986), bleibe mit 35 Jahren nur noch eine fünfprozentige Chance zu heiraten. Und für eine 40jährige unverheiratete Karrierefrau sei die statistische Aussicht, von einem Terroristen erschossen zu werden, größer, als einen Ehemann abzukriegen. (SALHOLZ, 1986, S.55)

Der Artikel geistert heute noch immer wieder einmal durch die Presse. Was ihn und ähnliche Artikel unzeitgemäß macht, ist die Annahme, dass es für das Glück eines Menschen zu einer Heirat kommen muss. Man wertet den Single zwar nicht offen ab, aber der Gedanke, dass das Paar das Eigentliche sei, hält laut EVA JAEGGI (1992) „immer noch in einem Winkel unseres Bewusstseins Wache.“ Auch JEAN-CLAUDE KAUFMANN (2002), auf dessen Studie ich im nächsten Beitrag eingehen werde, umschreibt dieses Phänomen mit dem „erhobenen Zeigefinger“, der diese Norm der Paarbeziehung in Gesten der Umwelt und in den Konflikten aufzeigt, unter denen vor allem Singlefrauen zu leiden haben. (S.44 ff.)

Schwierigkeitsfaktoren
Das mehr oder weniger ungewollte Singleleben hat Gründe. Folgende Faktoren erschweren vor allem das Finden eines geeigneten Kandidaten. Der Altersunterschied zwischen Männern und Frauen in einer Beziehung liegt nach wie vor konstant bei etwa zwei Jahren und steigt noch bei zunehmendem Alter des Mannes an. Das heißt, die Zahl der infrage kommenden Männer ist nach der Realisierung einer Karriere kleiner geworden. Genauso konstant ist der Unterschied im soziokulturellen Niveau. Doch je mehr sich die Singlefrauen auf ihren Beruf einlassen, desto erfolgreicher werden sie. Es wird also immer schwerer einen angemessenen Partner zu finden, denn Singlemänner befinden sich eher unten auf der sozialen Leiter. (HRADIL, 1995, S.30)

Eine Journalistin äußerte sich zur Mediendiskussion um Akademikerinnen, die schwanger werden sollten, damit „die Richtigen“ Nachwuchs bekommen. Sie stellt fest, dass das Problem weniger die Frauen seien, als „Frauen in Kombination mit Männern, kurz: unmodernes Paarungsverhalten. (…) Der qualifizierte deutsche Mann kann zwar eine Partnerin auf gleicher Augenhöhe heiraten – nimmt aber gerne die Sekretärin. (…) Wer Arzt ist, lernt ja so viele Krankenschwestern kennen. Für Ärztinnen aber kommt ein Pfleger gar nicht infrage, es sei denn, sie wollen sich als sexuell bedürftig lächerlich machen. Es gibt für die Akademikerin zu wenige Männer. Solche, die das Leben auf einer Augenhöhe verhandeln.“ (MAYER, DIE ZEIT, 11/2005)

Der nächste Beitrag widmet sich dann der Singlefrau.

*Diese Beitrag wurde schon einmal im Rahmen meiner Diplomarbeit veröffentlicht.