Big Five

Fünf-Faktoren-Modell der wesentlichen Eigenschaften der menschlichen Persönlichkeit:
1. Neuroticism (N – Neurotizismus = die Neigung zu emotionaler Ansprechbarkeit, Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, Befangenheit, Impulsivität, Verletzlichkeit, Labilität).
2. Extraversion (E = die Neigung zu Herzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Aktivität, Erlebnishunger, Frohsinn und Optimismus).
3. Openness (O – Offenheit = die Neigung zu Offenheit für neue Erfahrungen, Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Handlungen und Ideen).
4. Conscientiousness (C – Gewissenhaftigkeit = die Neigung zu Sorgfalt, Kontrolliertheit, Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Normorientierung, Selbstdisziplin und Besonnenheit)
5. Agreeableness (A – Verträglichkeit = die Neigung zu Vertrauen, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, Entgegenkommen, Bescheidenheit, Gutherzigkeit und Nachgiebigkeit)

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil des Glossars zu meiner Diplomarbeit

Der Hawthorne-Effekt

Begriff für den Effekt, der entsteht, wenn Menschen sich der Tatsache bewusst sind, dass ihr Verhalten beobachtet wird. (STROEBE et al., 1997, S.623). Der Begriff entstammt einer Untersuchung zur Produktivität von Arbeitern in der Hawthorne-Fabrik. Sie zeigte, dass bloße Beobachtung die Motivation und damit die Produktivität steigerte. (ebd. S.101)

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit

Die Frau als Rivalin

Die Psychologin MARYANNE FISHER (2004) zeigte weiblichen Probandinnen Bilder von anderen Frauen und erkundigte sich dabei nach ihrem jeweiligen Zyklusstand. Je nach Phase schätzten die befragten Frauen die Bilder sehr unterschiedlich ein. Das äußerte sich in indirekten Aggressionen beispielsweise mittels abwertender Aussagen über das Aussehen der gezeigten Frauen während der fruchtbaren Tage. Gezeigte Männerfotos wurden, egal in welchem Zyklusabschnitt sich die Frauen befanden, als gleich anziehend beurteilt. Der Grund der Aggression gegen andere Geschlechtsgenossinnen liegt nach Ansicht FISHERs darin, dass bei der Chance auf Fortpflanzung andere eher als Rivalin betrachtet werden und das feindselige Verhalten somit als Strategie im Konkurrenzkampf um Männer anzusehen ist.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit

Auswertung – Ergebnisse

Nach der Einzelbearbeitung wurden die Gespräche jetzt hinsichtlich möglicher oder vorhandener Fragestellungen systematisch verglichen. Durch einen quasi horizontalen Verdichtungsschritt wurden Themen deutlicher herausgearbeitet, vorhandene Gemeinsamkeiten sichtbar und Aussagen möglich.

Die Formulierungen im Ergebnispanorama, das an das jeweilige Einzelthema anschließt, sind, wie bereits erwähnt, nicht in verallgemeinernder Form abgefasst, sondern bleiben auf der Ebene der einzelnen Person.

In den Verdichtungsprotokollen dominieren die Gesprächszitate. Auf eine weitere Zusammenfassung und auf Einzelaussagen wurde dort verzichtet, um dem potenziellen Leser übermäßige Wiederholungen zu ersparen. Hier kann es jedoch zu Wiederholungen durch Überschneidungen der Auswertungskategorien kommen. Um ein vollständigeres Bild zu erhalten, wird dies in Kauf genommen. Zugunsten einer nun zusammenfassenden Darstellung kommen Zitate in den verschiedenen Kategorien nur noch punktuell zum Einsatz und sind kursiv, mit „Redezeichen“ und ohne Absatz im Text integriert.

Zur Verdeutlichung wurden an einigen Stellen Übersichtstabellen eingefügt. Zum Teil wurden Auswertungsergebnisse mit theoretischen Erkenntnissen und Studienergebnissen ergänzt.

Inhaltsübersicht

Allgemeine Daten im Überblick (siehe unten)

Vor dem ersten Clubbesuch

Frauen in einer festen Partnerschaft
Alleinstehende Frauen

ERGEBNISSE

Es wird konkret

ERGEBNISSE

  • Verführung vs. Entscheidung – ein Kontinuum
    Verführung
    Entscheidung und die Rolle von befreundeten Menschen
    Entscheidung und die Rolle von Informationen
    Die Bedeutung von Internet und Telefon als „Übungsfeld“

Der erste Clubbesuch
Mit einem männlichen Begleiter
Mit Freundin/nen
Als Solofrau

ERGEBNISSE

  • Ankommen
    Auswahl
    Angemacht werden
    Abkühlen
    Scham
    Befremden
    Distanz schaffen
    Jetzt oder nie
    Augen zu
    Passiv sein und sein dürfen
    Gestreichelt und massiert werden
    Im Mittelpunkt sein
    Nein sagen können
    Die Initiative ergreifen
    „Richtiger“ Sex
    Erregung und Befriedigung
    Abenteuer, Experiment und Mutprobe

Besuchsverhalten im Überblick

Erfahrungswelt Swingerclub – Einzelaspekte

Die Auswahl

ERGEBNISSE

  • Zwischen ‚passiv – wahllos’ und ‚aktiv – streng’

Männerbekanntschaften im Club

ERGEBNISSE

  • Der Mann als Macher
    Der wechselnde Mann für reglelmäßige Kontakte
    Der Mann als Kumpel
    Der junge Mann
    Der gebundene Mann
    Der Mann für den intensiven Augenblick
    Der vertraute Mann
    Der Mann als guter Liebhaber
    Der „testosteronhaltige“ Mann
    Der zärtliche Mann
    Der Mann und seine Rolle außerhalb des Clubs
    Der Mann als einer unter vielen

Andere Frauen im Club

ERGEBNISSE

  • Die Frau als Objekt – Die Frau als Rivalin

Paare im Club

ERGEBNISSE

Sehen und gesehen werden

ERGEBNISSE

Grenzen, Schutz und Kontrolle

ERGEBNISSE

Vom Sexspiel zu dritt bis zum Gangb*ng

ERGEBNISSE

Erregung und Orgasmus

ERGEBNISSE

Sex und Liebe

ERGEBNISSE

Mitwisser

ERGEBNISSE

Persönliche Bedeutung der Einrichtung ‚Swingerclub’

ERGEBNISSE

  • Bedürfnisse ausleben und entdecken – Experimentieren
    Guten Sex – mehr Sex – puren Sex bekommen
    Sich sicher fühlen – Schutz und Kontrolle haben
    Kontaktfreude – Authentizität – Ungezwungenheit im Club
    Körperkontakt und Zärtlichkeit bekommen
    Verliebtheit – Liebe – Leidenschaft (für den Augenblick) empfinden
    Stammgast sein – Clubatmosphäre genießen
    Mehrere Männer dirigieren
    Aufmerksamkeit bekommen
    Etwas Verbotenes tun – Thrill erleben
    Vom Alltag abschalten – Sich unabhängig und frei fühlen
    Gezielt Fantasien ausleben
    Selbstinszenierung


Diplomarbeit-Auswertung (pdf)

Allgemeine Daten im Überblick

Die Daten haben die Aktualität des jeweiligen Gesprächszeitpunkts.



Hier
geht’s zum ersten Auswertungsthema, der Ausgangssituation meiner Gesprächspartnerinnen.

Nach der Auswertung geht es mit der Diskussion der Ergebnisse in drei Teilen weiter, wobei Teil II die zusammengefassten Untersuchungsergebnisse enthält. (Für ganz ungeduldige Leser 😉)

Für neue Leser:

Das war ein Teil aus meiner Diplomarbeit

Vor dem ersten Clubbesuch

Hier wird zunächst ein Blick auf die Ausgangssituation im Beziehungs- und Sexualleben jeder Frau geworfen, bevor sie zum ersten Mal einen Swing*rclub besucht, beziehungsweise besuchen möchte.

Mit Ausnahme von Cora entspricht bei allen Frauen der damalige Beziehungs- und Familienstand dem aktuellen Stand (s.u.). Zwei Frauen leben vor ihrem ersten Besuch demnach in einer festen Partnerschaft beziehungsweise Ehe, drei als Singles und drei als alleinerziehende Mütter, denn auch Cora ist zu dieser Zeit noch alleinerziehende Mutter.

Auch wenn die meisten Frauen später erotische Kontakte zu Frauen nicht ablehnen, handelt es sich hinsichtlich ihrer dominanten sexuellen Präferenz in allen Fällen um heterosexuelle Frauen.

Zugunsten einer deutlicheren Kontur der aktuellen sexuellen Verfassung und der Beziehungssituation wird zum Teil auf weiter in der Vergangenheit liegende biografische Daten und Erfahrungen zurückgegriffen. Diese Elemente sollen lediglich der Akzentuierung dienen und werden im Zusammenhang mit dem Thema weder analysiert, noch interpretiert.

Es geht im Schwerpunkt um die Frage, ob sexuelle Unterversorgung, Langeweile oder bestimmte Fantasien mögliche Motive für einen späteren Besuch sein können.

Regina nimmt hier einen etwas größeren Raum ein, da ein zentraler Teil des Gesprächs gerade ihre momentane Situation, also die Verfassung VOR einem eventuellen Clubbesuch, zum Thema hat.


Frauen in einer festen Partnerschaft

Tine ist bereits seit über zwanzig Jahren mit ihrem Jugendfreund verheiratet. Ihre Eltern sind damals dagegen. Heute bedauert sie hin und wieder, dass sie sich „dickköpfig“ durchgesetzt hat.

Über einen Mangel an Sex kann sie sich nicht beklagen. Sie hat nach wie vor drei bis vier Mal pro Woche ehelichen Verkehr. Woran es ihr mangelt ist der Spaß daran. Sie hat es nur über sich ergehen lassen, und lässt es auch heute noch überwiegend über sich ergehen. Von Anfang an ist sie beim Sex passiv „wie ein Brett“ und erlebt auch nie einen Höhepunkt, was sie allerdings vor allem der mangelnden Ausdauer ihres Mannes anlastet. In jüngeren Jahren haben sie einmal Oralsex und dann nie wieder. Sie findet das damals ganz „eklig“.

Der volljährige Sohn lebt im gemeinsamen Haus und gibt ihr, unter anderem durch seine Unselbständigkeit, immer wieder Anlass zur Sorge. Sie fühlt sich in ihrem familiären Engagement neben ihrer Berufstätigkeit von ihrem Mann oft nicht gesehen, was, zusätzlich zu seiner liberalen Haltung dem Sohn gegenüber, immer wieder Anlass zu nervenaufreibendem ehelichem Streit gibt. Danach versucht sie meistens die Harmonie wiederherzustellen und arrangiert sich so gut es geht. Doch sie ist unzufrieden, und ihr fehlt insgeheim das Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

Dieses Abenteuer tritt eines Tages in Form ihres verheirateten Nachbarn in ihr Leben. Beruflich ist dieser, ebenso wie ihr Ehemann, sehr viel unterwegs. Sie treffen sich regelmäßig in Hotels. Ihm geht es vorrangig um Sex – um „harten Sex“. Sie dagegen liebt ihn. Bald fühlt sie sich geradezu abhängig von ihm und lässt sich viel von ihm bieten. Vor dieser Affäre ist sie „total unbedarft, liebe, brave Ehefrau.“

Regina ist nach dem zweiten Beziehungsanlauf jetzt schon seit vierzehn Jahren mit ihrem wesentlich älteren Partner zusammen. Davor hat sie wechselnde Beziehungen.

Nach einer eher körperfeindlichen Erziehung spürt sie schon früh einen „Hunger nach Erfüllung“, gerade in sexueller Hinsicht. Mit sechzehn wird sie von ihrem damaligen Freund entjungfert. Sie bleiben längere Zeit zusammen. Sex bildet jedoch keinen Schwerpunkt. Er ist eher unbefriedigend.

Anfang zwanzig stellt sie bei sich im Umgang mit Sexualität außerdem Hemmungen fest und geht diesen in Selbsterfahrungs- und Tantra-Seminaren nach. „Ich musste dahin! Intuitiv wusste ich, dass da für mich ein ganz wesentlicher Aspekt, ja Lebensqualität dahinter steht. Sexualität zu leben und natürlich zu leben, und mich darüber kennen zu lernen, über diese ganze Energie, diese urige Kraft, die da in einem steckt und schlummert.“

Aus ihrem Erlebnishunger heraus macht sie damals unter anderem auch einmal die Bekanntschaft eines Callboys, den sie anfänglich zu sich kommen lässt und bezahlt. Später wird daraus eine kurze Liaison mit unbefriedigendem Ende.

Ihre aktuelle Beziehung schildert sie als sehr liebevoll und lebendig. Regina leidet aber unter dem seit vielen Jahren völlig abhanden gekommenen gemeinsamen Sexualleben. Ihr fehlt es an Lust und Leidenschaft, am Gefühl von Begehrt-Sein und gemeinsamen intimen Erlebnissen. Zudem hat sie durch ihre frühe Beschäftigung mit Tantra deutlich erfahren, wie wichtig, wie bereichernd und vor allem wie heilsam die körperliche Liebe ist. Mögliche Gründe für die Unlust des Partners deutet sie nur vage an; Potenzprobleme scheinen es allerdings nicht zu sein.

Nach wiederholten, vergeblichen Versuchen, ihren Partner wieder erotisch zu erreichen, ist sie nun soweit, über andere Wege nachzudenken. Sie will nach einer langen Durststrecke wieder beides haben – Liebe und Leidenschaft, auch wenn sie beides nicht in ein und derselben Person finden kann. Ihre Beziehung will sie dabei aber auf keinen Fall aufs Spiel setzen. „Ich möchte mal unbelastet und fremd losgehen, ohne Beziehungen anfangen zu müssen, engere Beziehungen, wo man dann nur durcheinander gerät und seine eigene Beziehung und Liebe infrage stellen muss.“ Sie lässt durchblicken, dass sie vor dieser bewussten Entscheidung in den vergangenen Jahren das ein oder andere kurze, aber wenig erquickende Erlebnis hatte, ohne das Thema weiter zu vertiefen.

Sie stürzt sich vorletztes Jahr ganz bewusst in eine heimliche Affäre, in der es, neben der körperlich lustvollen Begegnung, entgegen ihrer Absicht, auch ihr Herz „erwischt“. Das wiederum bringt die Sexualität zum „explodieren“. Es kommt zur Krise. Ihre Partnerschaft droht nun daran zu zerbrechen. Der Preis ist ihr zu hoch. Die Affäre endet bald.

Trotzdem setzt sie sich weiter mit dem Thema auseinander. Sie will ihre Sexualität „nicht domestizieren“ und ist nicht mehr bereit, für immer ihre Sexualität von EINEM Menschen abhängig zu machen. Mit ihrem Partner macht sie sich Gedanken über libertäre Beziehungsformen und über die Möglichkeit eines Besuchs in einem Swing*rclub. Sie findet: „Das Leben ist bunter, als man so gelernt hat. Und ausprobieren kann man es ja.“ Beziehungsformen zu dritt oder zu viert sind nicht außerhalb ihres Vorstellungsvermögens, aber eine große Herausforderung, vor allem für ihren Partner. Es kommt erst einmal zu einem gemeinsamen Besuch einer clubähnlichen Insiderkneipe, wobei beide dem frivolen Treiben nur zusehen und sich nicht daran beteiligen.

Sie treffen Absprachen. Ihr Partner möchte zum Beispiel gerne Bescheid wissen, wenn sie alleine in einen Swing*rclub gehen will. Regina hat dagegen „so ’n bisschen die Ambition, das eigentlich lieber nachher zu machen.“ Erst hinterher etwas zu sagen, fühlt sich für Regina mehr an wie: „Den Abend frei haben.“ Das ist für sie „so ’n bisschen so ’ne Schabernack-Nische. Man hat ja immer gern etwas, was man heimlich täte.“

Inzwischen hat sie eine heimliche Telefonsexbeziehung zu einem Mann, der sie in ihrer Beziehung zu ihrem Partner nicht gefährdet. Dabei geht es ihr um größtmögliche Kontrolle und um schnelle Befriedigung.


Alleinstehende Frauen

Hier wird nicht ausdrücklich zwischen Singles und alleinerziehenden Müttern unterschieden. Auch alleinerziehende Mütter bezeichnen sich selbst in der Regel als Singles, wenn sie den Aspekt ihrer Partnerlosigkeit betonen. Dieser Aspekt ist hinsichtlich der Fragestellung relevant.

Seit zwölf Jahren ist Anna nach zwei etwas längeren Beziehungen Single und kommt damit in ihrem Alltag eigentlich ganz gut zurecht.

Sexuelle Erlebnisse hat sie schon als kleines Kind. Sie berührt sich selbst, was von der Mutter allerdings drastisch unterbunden wird. Ihre Lust entdeckt sie erst wieder mit zwölf, verliert sie aber wieder im Kontakt mit Männern. Nach ihrem ersten Beischlaf mit 19 Jahren erlebt sie Sex meist alkoholisiert und findet die sexuelle Bedürftigkeit von Männern befremdlich. In ihren Beziehungen spielt Sex für sie keine wichtige Rolle. Sie hat das, sagt sie, wie viele Frauen, einfach so mitgemacht.

Von ihrem letzten Partner wird sie verlassen, weil „die Sexualität nicht sehr lustvoll war.“ Nach einer Körpertherapie im Anschluss an diese Trennung verändert sich viel. „Das hat bei mir viel in Gang gebracht, so dass ich mehr Zugang bekam zu meinem Körper und meinen Gefühlen.“ Gefühle, Sinnlichkeit und Sexualität erwachen. Das betrachtet Anna als ein Stück Heilung. Sie will die wieder gefundene Lust in ihr Leben integrieren. Gleichzeitig macht sie aber die Erfahrung, „dass es so, wie es vorher mit den Männern war, nun nicht mehr ging.“

Relativ lange Zeit hat sie dann keinen Kontakt mehr mit Männern und beginnt sich selbst zu befriedigen. Sie hat dabei Fantasien, die sie früher nicht hatte. Ihr fehlt jetzt zunehmend ein unkomplizierter Zugang zu Männern, von denen sie sich erotisch angesprochen fühlt.

Anna ist allerdings nicht sehr bereit, Kompromisse zu machen, nur um einen Mann zu haben. Weshalb sie hauptsächlich einen Mann haben will, ist ihre Lust auf ein Sexualleben. In einer festen Beziehung neigt sie dazu, ein Stück ihrer Stärke und Lebendigkeit zu verlieren, nach dem Motto: „Wenn ich einen Mann haben will, muss ich schwach sein.“ Andererseits sagen ihr viele Bekannte, sie mache Männern Angst. Sie selbst fühlt das nicht.

Seit sie ihren Körper und seine Bedürfnisse auch durch die Erfahrungen in Tantra-Seminaren vermehrt spürt, ist der Wunsch nach einem erotischen Erlebnis mit einem Mann noch dringender geworden. Sie bemerkt, wie sie die Männer „begehrlich“ ansieht und verspürt große Lust auf sie, weiß aber zugleich nicht, wie sie jemanden „anbaggern“ soll.

Lilly lebt schon so gut wie immer als Single. Hin und wieder hat sie eine kürzere Liaison. Mit dem Sex lässt sie es langsam angehen. Selbstbefriedigung kennt sie erst so richtig seit sie erwachsen ist. Auch hinsichtlich sexueller Kontakte ist sie eine „Spätentwicklerin“. Mit ihrem ersten Freund Anfang zwanzig hätte sie zwar die Gelegenheit, ihre Unschuld zu verlieren, weiß es aber zu verhindern. Der Schwangerschaftsabbruch ihrer Freundin, trotz Verhütung, sitzt ihr noch in den Knochen. Irgendwann Mitte zwanzig organisiert sich dann über einen One-Night-Stand ihre Defloration.

Sie hadert regelmäßig mit der Männerwelt, weil sie den Eindruck hat, dass ihre „Rubensfigur“ in der Öffentlichkeit von Männern nicht gefragt ist und „Gardemaße“ bevorzugt werden, zumindest was eine mögliche Partnerschaft anbelangt.

Mit etwas Abstand erlebt sie zwei Mal eine „schlimme Phase“ mit zahlreichen Affären. Sie sucht zunehmend halbherziger nach „Mr. Right“und ist bereit, zwischendurch „viel Spaß mit den Falschen“ zu haben, vor allem, wenn sich ihr sexuelles Bedürfnis meldet.

One-Night-Stands sind da jedoch keine zuverlässige Lösung. Sie kommen nicht gerade auf Knopfdruck zustande. „Ich weiß, wenn ich geil bin – und danach kann ich die Uhr stellen, dass ich mir das dann organisieren könnte. Es gab eine Phase in meinem Leben, da musste ich immer Tanzen gehen, immer am Eisprung und am Tag bevor ich anfange zu menstruieren … und war auch enttäuscht, wenn es mal nicht geklappt hat oder nur blöde Männer da waren.“ Außerdem garantieren One-Night-Stands keine sexuelle Befriedigung. „Man kann sich natürlich stundenlang aufrüschen und dann tanzen gehen und stundenlang in verrauchten Kneipen ‚rumstehen und einen betrunkenen Typen mit nach Hause nehmen, der es eh nicht mehr bringt.“

Sie entdeckt für sich schon sehr früh das Internet und bewegt sich viel darin. Sie surft, datet, mailt und chattet, probiert Cybersex aus und experimentiert hinsichtlich alternativer sexueller Kontaktmöglichkeiten auch eine zeitlang am Telefon.

Einmal ergibt sich nach einem Tanzabend ungeplant Sex mit zwei Männern gleichzeitig. Dabei macht sie die Erfahrung, dass zu dritt kein Gefühl von Intimität entsteht.

Mit einzelnen Männern in ihrem Bett ist das anders. Es besteht dabei sogar die Gefahr, dass sie sich verliebt. Wenn sie nachts aufwacht und den Mann neben sich registriert, und wenn dann auch noch das Aufwachen schön ist, sagt sie, „dann ist mein Herz verloren.“ Sie fühlt sich dann sehr verletzlich und angreifbar.

Auch Sandy ist etwas später dran, als sie ihre Defloration durch ihren ersten Freund mit Zwanzig erlebt. Als Kind wird sie nicht aufgeklärt und nimmt daher ihre erste Blutung mit 15 Jahren als dramatisches Ereignis wahr. Vor diesem Erlebnis hat sie mit etwa 14 Jahren nur einmal eine erregende Begegnung mit einer Frau, von der sie geküsst wird. Selbstbefriedigung kennt sie nicht.

Sie ist in ihrem Leben bisher nur einmal so ernsthaft liiert, dass sie sich sogar verlobt. Unterschiedlich lange Beziehungen hat sie durchaus immer wieder, lebt jedoch nie mit einem Mann zusammen.

Aufregender Sex ist ihr ganz wichtig, daher ist sie ihren jeweiligen Partnern auch nie treu. „NIE! Ich habe meine Partner immer betrogen! Ich hatte nicht jeden Abend einen anderen, aber wenn es sich mal ergab.“ Den letzten – ihren dritten afrikanischen Freund – verlässt sie nach vier Jahren, weil er unter anderem „unfähig im Bett“ sei.

Selbstbefriedigung lernt sie erst irgendwann nach dem zwanzigsten Lebensjahr kennen und sexuelle Fantasien hat sie sogar noch viel später – erst gegen Ende dreißig, und nie während ihrer Partnerschaften. Eine Fantasie, die sich irgendwann entwickelt, ist, Sex mit mehreren Männern zu haben.

Sie spielt nach der Trennung mit dem Gedanken, einmal eine Erotik-Hotline anzurufen. Als sie vor vier Jahren den Mut dazu aufbringt, lernt sie dort einen Mann kennen – einen erfahrenen Swing*r.

Cora ist in ihrer neunjährigen Ehe treu und „niemals auf die Idee gekommen, etwas außerhalb der Ehe zu tun.“ Sie ist froh, wenn er sie in sexueller Hinsicht in Ruhe lässt. Denn sie fühlt sich ausgelaugt und ist „nur dran interessiert, den nächsten Tag zu überleben.“ Sex findet schon statt, aber ohne Lust. Das mit der Lust hört „fast schlagartig“ auf, als sie ihren Mann kennen lernt. Sie denkt aber nicht weiter darüber nach und will auch nichts dagegen unternehmen.

Als Kind erlebt sie sich durchaus als sehr lustvoll und beginnt schon früh, sich zu streicheln. Ihre Defloration plant sie bereits mit dreizehn Jahren gemeinsam mit ihrem zwei Jahre älteren Freund, bewertet das Erlebnis aber als „nicht so prickelnd.“ Sie findet im Nachhinein die Spannung vorher eigentlich viel besser als das konkrete Ereignis. Doch ihre Erfahrungen werden zunehmend besser, und am Ende ihrer Ehe fragt sie sich, wie sie das vergessen konnte.

Sie versucht ihrem Mann alles recht zu machen, damit er sich gut fühlt, was ihr trotzdem nicht gelingt. Dann kommen im Abstand von 13 Monaten ihre beiden Wunschkinder. Mit dem schwierigen Mann zusammen wird die Belastung für Cora irgendwann zu groß. Sie verlässt ihn nach einem langen und schwierigen Trennungsprozess endgültig als die Kinder vier und fünf Jahre alt sind.

Nach der Scheidung sagt sie sich: „Jetzt nie wieder ein Kerl!“ Aber Sex will sie schon! Sie ist wieder bereit für Kontakte und wagt sich auf Neuland. Um Männer kennen zu lernen nutzt sie das Internet. „Das war damals ja wirklich noch ein hammerhartes Ding. Internet war noch ganz neu, und Frauen im Internet waren sowieso was ganz Seltenes. Ich habe da ganz schnell sehr viele Kontakte geschlossen.“ Ihr erster Freund, den sie dadurch kennen lernt, ist verheiratet und daher „völlig unproblematisch“.

Iris trifft sich erst seit drei Jahren wieder mit Männern. Davor lebt sie mit ihrer Tochter eher zurückgezogen, weil das, was sie mit Männern erlebt, nicht das ist, was sie erleben will. Also lässt sie es bleiben und kümmert sich lieber um ihr eigenes Leben und Fortkommen und um das ihrer Tochter.

Iris wächst mit einer ziemlich gewalttätigen Mutter auf. Der Vater versucht einmal, sie im Alter von dreizehn Jahren im Schlaf zu penetrieren. Sie erinnert sich nur schwer an ihre Kindheit. Vieles ist in ihrem Gedächtnis einfach gelöscht.

Viel präsenter sind ihr die Stationen ihrer „Befreiung“ und einige Schlüsselerlebnisse. Sie setzt sich als Erwachsene, angeregt durch einen libertär lebenden Mann, schon früh mit dem Thema ‚Liebe, Sex, Beziehung und Besitzansprüche’ auseinander. Nach dieser nicht alltäglichen Affäre pflegt sie eine ungewöhnliche Beziehung zu einem Zuhälter, der sie ihre „Weiblichkeit erfahren“ lässt. Sie bedauert sehr, dass er wegzieht. Anfang dreißig lernt sie dann den Mann kennen, der später der Vater ihrer Tochter wird. Er ist wesentlich älter und hat schon einen erwachsenen Sohn. Sie bilden eine „Zweckgemeinschaft“. Als der werdende Vater jedoch eine Abtreibung will, packt sie ihre Sachen.

Nach der Geburt ihrer Tochter bleibt sie fast zwei Jahre zu Hause, bevor sie wieder stundenweise arbeitet, denn ganz ohne Mann und Familie ist sie allein die Ernährerin. Das ist keine leichte Zeit. Sie sucht Gespräche mit einer Psychologin und öffnet sich.

Sie hat lange Zeit also überhaupt keinen Mann, vermisst es aber nicht. Es interessiert sie einfach nicht. „Erotik und Sexualität, die habe ich gelöst über mich und meine Hände. Und das durchaus leidenschaftlich und auch sehr lustvoll.“

Männer lernt sie nach dieser Phase vorwiegend über das Internet kennen. Nach dem Chatten und Mailen entstehen schnell erotische Telefonbeziehungen, ab und zu auch reale Kontakte. Auf diese Weise entsteht vor etwa drei Jahren auch ein Kontakt zu einem spirituellen Lehrer. Er ist zunächst erotisch akzentuiert. Beim ersten Treffen ist es damit vorbei. Jetzt geht es nur noch um persönliches Wachstum.

Diskotheken und Bars besucht sie auch ab und zu, aber weniger gern und sitzt mitunter „sehnsuchtsvoll schmachtend zu Hause“.

Iris fragt sich bald, wie sie ihre Tochter angemessen mit ihrem Sexualleben und mit wechselnden Partnern konfrontieren kann und was sie ihr da zumuten kann. Sie hält sie inzwischen für reif genug. „Wenn ich heute mit einem Mann liiert bin, und hier taucht ein anderer auf, und meine Tochter fragt nach, dann kriegt sie eine wahrhaftige Antwort.“ Erst seit drei Jahren dürfen Männer auch wieder zu ihr nach Hause kommen. Bei ihren Erotiktelefonaten will sie sich auch nicht vor ihrer Tochter verstecken. Wenn sie einen Mann dann treffen will, fragt sie aber schon, ob sie bei einer Freundin übernachten kann, oder sie bittet den Mann, ins Hotel zu kommen, wenn sie weiß, dass er sich das leisten kann.


Natalia wird vor fünf Jahren von ihrem zweiten Mann geschieden, nachdem sie nach zehn Jahren Ehe aus heiterem Himmel seine Untreue registrieren muss.

In sexueller Hinsicht fehlt ihr auch am Ende der Ehe überhaupt nichts. Sogar am letzten Tag haben sie noch morgens Sex miteinander. Abends geht er mit einer gemeinsamen Bekannten ins Bett. Es kommt zur sofortigen sehr schmerzhaften Trennung. Sie stürzt sich in ihre Arbeit.

Nach einem Jahr versuchen wohlmeinende Freundinnen, sie mit Männern zu versorgen. Aber „die hatten immer gleich so Besitzansprüche, die wollten mich einfach so greifen.“ Sie will sich aber keinesfalls wieder so stark auf eine Beziehung einlassen, dass der Mann ihr wehtun könnte. „Ich werde nie wieder einem Mann gehören – NIE UND NIMMER!“

Trotzdem regen sich wieder Bedürfnisse nach Erotik. Sex ist in ihrem Leben ein ganz wichtiges Element. Ihre ersten eindeutig sexuellen Empfindungen registriert sie mit zwölf Jahren, als sie einen Sportler beobachtet. Der wird auch ihr erster Freund und sie verliert bereits im Jahr darauf ihre Unschuld. Seither pflegt sie ein ziemlich regelmäßiges Sexualleben.

Sie erkennt nach einigermaßen überwundenem Trennungsschmerz, dass sie schon wieder Sex erleben möchte, allerdings nicht „so ohne ein bisschen Liebesgefühl“ und ohne ein gewisses „Bauchkribbeln“. Da sie mit dem Internet nicht viel anfangen kann, antwortet sie auf zwei herkömmliche Kontaktanzeigen, macht aber schlechte Erfahrungen. „Also alles, was so um vierzig rum läuft, ist ziemlich gestört.“ Es geht ihr eigentlich erst mal nur um Bekanntschaft, „aber da meldet sich alles.“

Mit One-Night-Stands nach dem Tanzen hat sie auch so ihre Probleme, allein schon wegen ihres Sohnes. Sie macht zwei Versuche, ist aber froh, dass sie das eine Mal in seine Wohnung geht. Das andere Mal nimmt sie den Mann mit zu sich nach Hause, als ihr Sohn bei seinem Vater ist. Diesen Verehrer wird sie aber kaum wieder los. Das will sie auf keinen Fall mehr.

Da ihr regelmäßiger Sex – auch als Bestandteil eines gesunden Lebens – sehr wichtig ist, engagiert sie einmal einen professionellen Liebhaber. Der Callboy findet seinen Auftrag sehr angenehm und will ihr Geld nicht annehmen. Später denkt sie: „Wozu eigentlich bezahlen, wo es doch so einfach sein könnte!?“

Mit den ersten
Teilergebnissen geht’s weiter.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit. Genauer gesagt, lasen Sie einen Teil dieses Kapitels.

ERGEBNISSE 1

In nachfolgender Kurzübersicht ist ohne Abstufung nur festgehalten, was hinsichtlich der Ausgangsfrage an das Datenmaterial von den Frauen spontan und ohne vertiefte Nachfrage geäußert wurde. Ein Mangel an erwünschtem Sexualleben wird im Folgenden als ‚sexuelle Deprivation’ bezeichnet.



Sexuelle Deprivation und Fantasien

Hier wird nur allgemein und ohne Abstufung einer subjektiven, und schon gar nicht einer objektiven sexuellen Deprivation festgestellt, dass ein Bedürfnis nach sexueller Begegnung bei fast allen Frauen eine Rolle, beziehungsweise die Hauptrolle spielt. Dabei geht es betont um das sexuelle Erleben, wenn auch daneben bei einigen alleinstehenden Frauen, eine latente Beziehungsneigung nicht ausgeschlossen bleibt, aber eben nicht als Hauptinteresse geäußert wird.

– Annas sexuelle Bedürfnisse und Fantasien sind nach ihrer Körpertherapie und nach der Teilnahme an einer Tantragruppe richtig erwacht. Sie ertappt sich bei begehrlichen Blicken und Gedanken.

– Lilly kann die Uhr danach stellen, wenn sie 1 – 2 Mal im Monat die dringende Lust auf Sex verspürt.

– Cora fragt sich, wie sie in ihrer Ehe vergessen konnte, dass Sex Spaß macht. Sie will nach überstandener Trennung zwar keinen Partner mehr, aber sehr wohl wieder Sex.

– Iris will nach jahrelanger freiwilliger Abstinenz wieder von Männern bereitete Lust erleben.

– Regina sucht inzwischen unkomplizierte sexuelle Befriedigung, weil sie nach etlichen Jahren endlich den Wunsch aufgeben kann, das von ihrem Partner zu bekommen. Sie will aber die Beziehung zu ihm nicht gefährden.

– Natalia kennt aus ihrer Ehe ein bis zum letzten Tag sehr befriedigendes Sexualleben. Nach überwundener Trennung hat auch sie wieder Lust auf Sex mit einem Mann.

– Sandy entwickelt zudem nach diversen kürzeren und längeren Beziehungen, in denen sie nie treu ist, Fantasien mit mehreren Männern.

Fantasien spielen möglicherweise nicht nur bei Sandy eine Rolle, werden jedoch als Anfangsmotiv nur von ihr und weniger explizit von Anna genannt.

Alternative – One-Night-Stand
– Lilly hat in Zeiten „hormoneller Notsituationen“ weniger gute Erfahrungen mit One-Night-Stands als „Problemlösung“. Sie findet deren Zustandekommen bisweilen schwierig und bemängelt deren Qualität. Zudem will sie sich nicht leichtsinnig der Gefahr aussetzen sich in irgendeinen Mann zu verlieben, nur weil er in ihrem Bett liegt.

– Auch Natalia macht schlechte Erfahrungen mit One-Night-Stands. Sie kann sich hingegen vor ihren Verehrern kaum retten. Das ist ein Problem, denn sie will nur ab und zu Kuscheln und Sex, danach aber keine Telefonnummer.

KAUFMANN untersucht in seiner qualitativen Studie zum Paarbildungsprozess den Morgen danach (2004). Er beschreibt, dass, im Gegensatz zu früher, der Morgen danach kein Passageritus mehr ist. Beim ganz traditionellen Paarbildungsprozess gab es nach der Hochzeitsnacht nichts zu entscheiden. Das ist heute anders. Denn heute geht es am Morgen danach um die Frage: Weitermachen oder nicht? Der Morgen danach ist heutzutage oft ein ganz entscheidendes Datum im Paarbildungsprozess.

Man kann auch nach einem One-Night-Stand durchaus ungewollt in eine Beziehung hineingeraten. Ein „böses Erwachen“, nach einer Nacht mit Alkohol und schlechtem Sex zum Beispiel, führt nach KAUFMANN nicht automatisch dazu, dass es danach keine gemeinsame Zukunft gibt. Daher legt sich mancher Single ohne Beziehungswunsch für die Trennung am Morgen danach Trennungsstrategien zurecht. Ist man jedoch der Gastgeber, so ist Flucht schlecht möglich. Man muss dem Anderen irgendwie mitteilen, dass er nicht mehr erwünscht ist.

War es für beide ein böses Erwachen, geht es nur noch um die Art und Weise des Auseinandergehens. Die Gefahr, ungewollt in eine Beziehung hineinzugeraten, ist jedoch dann besonders groß, „wenn es nicht für beide zu einem bösen Erwachen kommt, sondern der andere – im Gegensatz zu einem selbst – auf eine Art und Weise zu handeln und zu reden scheint, die darauf ausgerichtet ist, der Geschichte Dauerhaftigkeit zu verleihen.“ (S.103)

Oft sind sich beide nicht so klar darüber, ob es überhaupt ein nächstes Mal geben soll. Dann entscheiden nicht selten eher kleine Dinge darüber, ob das potentielle Paar eine Zukunft hat. „In den meisten Fällen entsteht eine Paarbeziehung nicht aufgrund einer Entscheidung, sondern weil es zu keinem Bruch kommt. Die einzige wirkliche Entscheidung ist der Bruch. Um zu einem Paar zu werden, genügt es, dass die Bewegung, die einen mitzieht, diese Bewegung, der Reproduktion von Gewohnheiten niemals abreißt. Es genügt, sich am Abend nach dem Morgen danach wieder zu sehen, und schon hat das Leben den Geschmack eines beruhigenden Déja-Vus angenommen. Die ersten Gewohnheiten stellen sich rasch ein, wenn man sie sich nur in aller Ruhe einstellen lässt. Daher das Paradox: Wenn am Morgen danach scheinbar überhaupt nichts passiert, passiert doch etwas.“ (S.151)

– Iris hat das Thema ‚wechselnde Sexualpartner’ in den eigenen vier Wänden noch nicht abgehakt. Sie wartet damit allerdings so lange, bis sie die Tochter reif genug findet, um sie damit zu konfrontieren. Bei ihr handelt es sich jedoch nicht um klassische One-Night-Stands mit „abgeschleppten Typen“, sondern um gezielte Verabredungen, denn Diskotheken besucht sie weniger gern, um einen Mann für die Nacht zu erobern.

– Regina sagt zu One-Night-Stands etwas drastisch, dass sie „nicht mehr nur ein bisschen rumficken“ will.

– Bei Anna kommen sie gar nicht erst zustande, denn sie weiß nicht, wie sie die Männer „anbaggern“ und ihr Bedürfnis in befriedigende erotische Kontakte umsetzen soll.


Alternative – Callboy

– Der Callboy ist für Natalia auch keine Dauerlösung, denn das geht ins Geld. Sie macht zwar die Bekanntschaft mit einem sehr großzügigen Liebesdiener, will aber auf Dauer nichts geschenkt bekommen. Außerdem hat sie grundsätzlich ein Problem damit, dass aufgrund der Geschäftsbeziehung im Regelfall das Gefühl ausbleibt, begehrt zu sein.

– Regina liebäugelt gerade wieder mit dieser Lösung, müsste dafür allerdings eine zuverlässige Empfehlung bekommen. „Bei einem Callboy, der zu mir kommt, sich in MEINEM Feld bewegt, hätte ich auch das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben.“ Vorausgesetzt natürlich, dass sie ihn kennt oder empfohlen bekommt. „Sonst ist das echt gefährlich und auch wegen der Attraktivität.“ Wenn sie den nur „auf zehn Meter Entfernung“ ertragen könnte, ginge das „ja gar nicht!“ „Also am besten vorher angucken.“ Ihre Erfahrung hinsichtlich eines Dauerarrangements ist allerdings nicht ganz ungetrübt. (siehe S.217)


Freiheit, Abenteuer und Geheimnis

In dieser Kategorie geht es vor allem um das Motiv, das in der Kurzübersicht und Ausgangsfrage als Langeweile bezeichnet wurde.

– Tine erlebt Unlust und Langeweile im Ehebett und leidet zunehmend unter dem Familien- beziehungsweise Ehegefängnis. Dass sie bereit für ein Abenteuer ist, ist ihr jedoch zu Beginn der Affäre noch nicht bewusst. Dieses Motiv äußert sie im Nachhinein als treibende Kraft für ihr Doppelleben. „Dieses Prickeln ist da, dieses Verbotene.“ Sie erlebt es „fast wie eine Sucht“ – „dieses Ausklinken“.

Auf den ersten Blick erscheint bei einer geheimen Liebesbeziehung eine intensive Anziehung zwischen den Partnern charakteristisch. Ein Paar, das seine Liebe geheim halten muss ist gedanklich ständig mit der Beziehung beschäftigt. FOSTER und CAMPBELL (2005) bestätigen den Effekt, dass dies die gegenseitige Attraktion erhöhen und Gefühle von Verbundenheit intensivieren kann.

Geheime Beziehungen haben aber auch Schattenseiten. Durch die ständige Heimlichtuerei leidet die Qualität der Beziehung. Die Forscher nehmen an, dass geheime Liebesbeziehungen deshalb weniger „lohnend“ sind, weil Geheimhaltung positive Effekte hemmt. Das Verheimlichen der Liaison schafft Probleme, die eine „normale“ Beziehung nicht zu bewältigen hat. Die Beteiligten haben Angst vor Entdeckung und empfinden das Versteckspiel anstrengend und zermürbend. Sie können auch nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten. Dadurch fehlt die Einbettung in ein soziales Netz, was vor allem bei länger andauernden Verbindungen wichtig ist.

Die Studie bestätigt, dass das auf Dauer keiner Beziehung gut tut. Die Befragten schildern das Verheimlichen der Beziehung eher als Last denn als Lust. Das Schweigen wirkt sich negativ auf die Beziehungsqualität aus und die Intensität der Liebesgefühle nimmt ab. Es werden also deutlich weniger positive Beziehungserfahrungen gemacht.

– Bei Regina sind nicht Freiheit und Abenteuer und auch nicht das Bedürfnis nach einem Geheimnis der ursprüngliche Antrieb. Diese Aspekte zeigen sich ihr erst in der Folgezeit, als sie erste Erfahrungen mit dem Geheimnis und dem Abenteuer macht. Der Aspekt der Freiheit ist für sie nicht so zentral. Sie fühlt sich im Gegensatz zu Tine in ihrer Partnerschaft auf vielen Gebieten sehr wohl und sehr bereichert. Allerdings stellt sie im Gespräch fest, dass sie der Absprache hinsichtlich der Vorankündigung eventueller sexueller Aktivitäten außerhalb der Beziehung nicht so gerne nachkommen will.

Das Geheimnis in kleinerem Umfang hat möglicherweise eine wichtige Funktion in einer längeren Beziehung. Nach GEORG SIMMEL (1906) stellt es ein Regulativ dar, das in vielfältiger Weise eingesetzt werden kann. Es kann damit eine Spannung erzeugt werden, die sowohl lockenden als auch Abstand gemahnenden Charakter annehmen kann. Ein Vorenthalten von Wissen kann bei einem Mangel an physischem Abstand, seiner Ansicht nach, mit zu einer Balance der Beziehung beitragen. (S.262)

Beziehungsvermeidung und Kontrolle
Ungeachtet eines eventuell verborgenen Beziehungswunsches (s.o.) wird diese Kategorie „Beziehungsvermeidung“ genannt, da diese Strategie offensichtlicher ist und bei den meisten Frauen zu dominieren scheint.

– Natalia und Cora äußern ganz deutlich, dass für sie nach der überwundenen Trennung damals keine neue Partnerschaft infrage kommt.

– Cora lebt allerdings inzwischen wieder in einer festen Beziehung. Möglicherweise ist bei ihr das Motiv doch nicht allzu stark ausgeprägt.

– Natalia schätzt die Vorzüge eines Lebens ohne Mann mittlerweile sehr und ist daher nicht bereit, diese für ein Leben in einer Beziehung aufzugeben. Sie findet sogar One-Night-Stands viel zu unkontrollierbar, und auch der Callboy fängt fast zuviel Feuer. Daher sucht Sie ganz stark nach Kontrolle und scheint sich von einseitigen Kontaktwünschen oder Beziehungsangeboten geradezu bedroht zu fühlen.

– Lilly ist in dieser Hinsicht etwas ambivalent. Sie äußert zwar, wie Natalia, sich nicht mehr verletzen lassen zu wollen, wünscht sich aber insgeheim schon noch einen Partner – „ganz normales Singleverhalten“ eben, sagt sie.

– Auch Anna und Sandy haben diesen Wunsch noch nicht ganz begraben.

– Anna und auch Lilly grenzen jedoch den Wunsch nach einer Beziehung ganz stark von einem körperlichen Verlangen ab und trennen diese Bedürfnisse strikt.

– Sandy wiederum äußert kein Kontrollbedürfnis diesbezüglich. Ihr ist aber klar, dass sie ihre speziellen Fantasien nicht in ihren eigenen vier Wänden ausleben kann und möchte.

– Iris möchte nach ihrer freiwilligen Abstinenz auch wieder, dass sie ein Mann glücklich macht, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie ihre Freiheit behält. Sie braucht physisch wie psychisch einen genügend großen Raum für sich allein.

Die Ergebniskategorien gehen teilweise etwas ineinander über. Wenn Iris nicht in der Kategorie „Freiheit, Abenteuer und Geheimnis“ erwähnt wird, obwohl sie ihr Bedürfnis nach Freiheit explizit äußert, dann deshalb weil ihre Strategie als alleinstehende Frau unter dem Kontrollaspekt besser angesprochen scheint. Der Begriff ‚Freiheit’ ist oben im Zusammenhang mit Abenteuer und Geheimnis erfasst und damit eher für bereits „gebundene“ Frauen von Belang.

– Regina spricht ganz deutlich aus, dass sie eine Beziehung vermeiden möchte, denn sie will ihre Partnerschaft nicht aufs Spiel setzen. Auch ihr geht es – solange sie sich mit ihrem Mann noch nicht auf alternative Beziehungsformen geeinigt hat – seit ihrer letzen „leidenschaftlichen“ Erfahrung, um größtmögliche Kontrolle und um die Vermeidung von „Beziehungs-Risiken“ bei ihren Lösungsversuchen.

– Tine sucht hingegen die Nähe zu ihrem Geliebten und hätte gerne, dass es, neben ihrer Ehe, eine gegenseitige Liebesbeziehung ist. Wie weiter unten zu sehen ist, bleibt diese Tendenz bestehen, auch wenn andere Swing*r als Geliebte in ihr Leben treten. Trotzdem scheint bei ihr bisher aber kein derart starkes Beziehungsstreben zu bestehen, dass dadurch ernsthaft ihre Ehe in Gefahr käme.

Der „Gesundheitsfaktor“
Ein weiterer Faktor als wichtiges Motiv wird von Anna, Regina und Natalia direkt angesprochen. Er wird hier etwas übergreifend „Gesundheitsfaktor“ genannt.

– Sowohl Anna als auch Regina haben Erfahrungen von Heilung und Ganzheitlichkeit im Zusammenhang mit gelebter Sexualität, vor allem durch ihre Beschäftigung mit Tantra und Körpertherapie, gemacht. Dabei geht es um mehr als Wohlbefinden. Es geht viel mehr darum, das eigene Selbst in all seinen Dimensionen zu erfahren, sich vollständiger zu erleben und auch darum, zu einem Kern, der als Kraft „in einem steckt“, vorzudringen.

– Cora und Iris äußern sich diesbezüglich nicht explizit, sind aber zum Zeitpunkt ihrer ersten Cluberfahrung als Reikimeisterinnen und psychologische Beraterinnen ebenfalls stark mit den Themen Heilung und Ganzheitlichkeit befasst. Darüber haben sich beide auch kennen gelernt. Sie bieten später im Club gemeinsame ‚intuitive Massagen’ an

– Natalia spricht diesen Faktor mit den etwas weltlicheren Aspekten von Gesundheit, Fitness und Ausgeglichenheit an. „Sexualität und Orgasmen sind nun mal das beste Mittel, um einfach in sich fit zu sein.“


Figurprobleme?

– Angesprochen wird das eigene Übergewicht im Verlauf der Gespräche von Sandy, Cora, Iris und Lilly.

– Offen problematisiert wird dieses Thema jedoch nur von Lilly. Sie stellt aber fest, dass es „erstaunlich viele dicke Frauen im Club“ gibt und die Männer dort sogar sehr gerne Sex mit diesen Frauen haben, „aber nicht mit ihnen in der Öffentlichkeit knutschen“ würden.

Inwieweit Übergewicht für manche Frau ein unterschwelliges Begleitmotiv für einen Clubbesuch, mit der unkomplizierten Kontaktmöglichkeit zu überwiegend willigen und eventuell weniger wählerischen Männern sein könnte, ist ohne weitere Untersuchung nicht abzuschätzen. Möglicherweise würde hier ein tiefenhermeneutischer Ansatz Ergebnisse bringen.


Jetzt wird es
konkret.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit. Genauer gesagt, lasen Sie einen Teil dieses Kapitels.

Es wird konkret

Hier wird die mehr oder weniger bewusst getroffene Entscheidung der Frauen für ihren ersten Clubbesuch betrachtet. Dabei geht es um die Frage, wie es zu dem konkreten Schritt kommt.

Tine wird vor sieben Jahren von ihrem Nachbarn mit einer Einladung zu einer „Party“ mehr oder weniger überlistet. „Ich hatte keinen blassen Schimmer und dachte, wir gehen zu Privatleuten und feiern da.“


Cora wird von ihrem neuen Bekannten zu diesem Abenteuer verführt. Er fragt sie irgendwann: „Sag’ mal, was hältst du von Gruppensex?“ Zu dieser Zeit „spielen“ sie gerade „Grenzen erweitern“. Für Cora ist es ein Geben und Nehmen. Sie habe „seine spirituellen Grenzen erweitert“, jetzt soll er gerne ihre sexuellen Grenzen erweitern.


Sandy lernt über die Erotik-Hotline einen erfahrenen Swinger kennen, der bei ihr mit seinem Ansinnen halboffene Türen einrennt, denn sie ist neugierig darauf, wie sich Sex auch mal mit mehreren Männern anfühlt. Sie unterhalten sich am Telefon über Swingerclubs und verabreden sich.

Iris lernt vor eineinhalb Jahren Cora über das Internet kennen. Sie haben viele gemeinsame Interessen und freunden sich an. In dieser Zeit bringt ‚Wa(h)re Liebe’ gerade eine Sendereihe über Swingerclubs, von der sich Iris angesprochen fühlt. Cora, die schon reichlich Erfahrung als Solo-Swingerin hat, bietet ihr an, sie bei einem ihrer Besuche zu begleiten. Iris hat Lust dazu, weil sie in den Sendungen gesehen hat, “wie die Menschen sich da teils auch sehr offen begegnet sind.“

Bei Lilly sind zwei Freundinnen im Anschluss an ihre gründlichen Internetrecherchen sogar mit von der Partie. Eine Freundin hat selbst bereits Cluberfahrung. Diese ruft sie an und sagt, dass sie einen Club besuchen möchte, allerdings müsse es innerhalb der nächsten drei Tage sein, sonst traue sie sich nicht mehr. Ihre beste Freundin begleitet sie bei den Vorbereitungen, schwankt aber noch. Sie entscheidet sich kurzfristig und meint: „Man muss ja seinen Enkeln auch coole Geschichten erzählen können!“

Die Rolle der guten Freundin übernimmt bei Natalia ein väterlicher Freund. Nach den eher lästigen One-Night-Stands und dem Versuch mit dem Callboy, ermutigt sie vor allem das Gespräch mit ihm. Der langjährige Freund besucht selbst regelmäßig einen Swingerclub. Nach einer Bestandsaufnahme, in der sie sich einerseits die Vorteile ihres Singlelebens vergegenwärtigt und sich andererseits ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Kuscheln eingesteht, informiert sie sich jetzt im Internet und sucht das Gespräch mit einer Freundin, die sie sogleich mit den schlimmsten Befürchtungen überschüttet. Sie lässt sich trotzdem nicht mehr lange beirren und besorgt sich weitere Literatur. Nach einer Bedenkzeit ruft sie dann in einem Club an, den sie auf ihrem Weg zur Arbeit entdeckt hat, und lässt sich von einer „zauberhaften Stimme“ ausführlich am Telefon informieren. Die Frau ist ihr sofort sehr sympathisch. Sie nimmt Natalia auf eine „lockere Art“ im Gespräch alle „Wenn und Aber“ und lädt sie noch für denselben Abend herzlich ein.

Anna wird vor ihrem 40. Geburtstag durch einen Schlüsselsatz von einer Freundin, die auch schon überlegt hat, in „so einen Club“ zu gehen, motiviert: „Worauf sollen wir denn noch warten?“ Der Satz beschäftigt sie. Worauf soll sie noch warten? Sie ist doch erwachsen, denkt sie, und kann in ihrem Leben mal etwas ausprobieren. Das macht ihr Mut. Sie recherchiert im Internet und entscheidet sich nach einem Telefonat für einen Club, der sich – gleich einem Omen – seit neuestem gerade in dem Haus befindet, in das sie früher zu ihren Therapiestunden ging.


Regina denkt immer wieder mal über einen Callboy nach, seit ihr Lebensgefährte sie sexuell so vernachlässigt. Sie tauscht sich darüber mit einer Freundin aus, die in einer ähnlichen Situation ist. Diese hat „teure Callboys und Verschiedenes ausprobiert.“ Dann kundschaftet sie aber auch Club-Adressen aus, unterhält sich mit erfahrenen Leuten, liest Artikel und sieht sich Fernsehsendungen über Swingerclubs an. Im Zuge der Bearbeitung der sexuellen Funkstille kommt es gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten dann auch einmal zu einem etwas distanzierten Besuch einer clubähnlichen frivolen Insider-Kneipe. Mit der aufgeschlossenen Freundin geht sie später in zwei weitere Lokale dieser Art, um erneut die Atmosphäre zu schnuppern. Was sie vom Besuch eines richtigen Swingerclubs noch abhält ist die befürchtete Anzahl der Leute und ihr momentan wieder erstarkter Wunsch nach „exklusiver“ Sexualität. Der Besuch eines Callboys liegt ihr daher gerade wieder gefühlsmäßig näher.

ERGEBNISSE

Verführung vs. Entscheidung – ein Kontinuum



Verführung

Hier spielt der Begleiter die entscheidende Rolle.

– Tine steht deutlich am Verführungspol des Kontinuums, wird sie von ihrem Geliebten doch mehr oder weniger überrumpelt. Sie weiß nur, dass sie sich verführerisch kleiden soll.

– Cora will ihre alten Grenzen erweitern und lässt sich daher mit ihrem neuen Bekannten kurz entschlossen auf das Abenteuer ‚Gruppensex’ ein.

– Sandy geht es ähnlich. Im Gegensatz zu Cora hat sie aber bereits mit Fantasien in dieser Richtung gespielt. Ihr Begleiter hat mehr eine Hebammen-Rolle. Sie verlässt sich ganz auf ihn.


Entscheidung und die Rolle von befreundeten Menschen

Hier spielt vor allem die Freundin eine bisweilen entscheidende Rolle

– Außerhalb des Kontinuums steht Regina, deren Entscheidung noch nicht gefallen ist und vielleicht auch nie fallen wird. Der endgültige Entschluss würde vielleicht eine eher einsame Angelegenheit sein, trotzdem spielen befreundete Menschen auch in ihrem Prozess eine Rolle. Sie spricht inzwischen über ihre Situation und holt sich Informationen über Clubs und Callboys im Freundeskreis. Und gerade der Austausch und die Aktionen mit der Freundin scheinen bisher wichtige und bestätigende Elemente zu sein.

– Wenn auch die Entscheidung für einen Solobesuch bei Anna und Natalia am Ende ganz allein getroffen wird, berichten beide von der Ermutigung beziehungsweise Bestätigung durch eine Freundin, beziehungsweise durch einen Freund als wichtigem Schlüssel in ihrem Entscheidungsprozess.

– Anna hält sich an dem Satz der Freundin fest, der bestätigend in ihr nachhallt.

– Natalia wird zwar von einer Freundin auch gewarnt, was sie jedoch nur zu weiteren Recherchen antreibt. Sie braucht aber noch Bedenkzeit bis sie schließlich zum Hörer greift. Hier begegnet sie einer zukünftigen Freundin, die alle ihre Bedenken zerstreut und sie auf eine Art auch etwas verführt.

– Am deutlichsten ist die Bedeutung der Freundinnen bei Lilly. Sie gewinnt sogar zwei von ihnen als Begleitung für den ersten Besuch und bereitet sich mit ihnen zusammen vor.

– Iris steht ziemlich in der Mitte des Kontinuums, denn bei ihr ist die reichlich erfahrene Freundin gleichzeitig ein bisschen Verführerin, Begleiterin und Entscheidungshilfe.


Entscheidung und die Rolle von Informationen

Bei allen Frauen, die nicht über einen männlichen Begleiter zu ihrem ersten Clubbesuch kommen, spielen außerdem Informationen aus verschiedenen anderen Kanälen eine wichtige Rolle.

– Lilly und Anna recherchieren im Internet. Sogar Natalia geht auf Informationssuche ins Netz, obwohl sie sonst nicht viel mit diesem Medium anfangen kann. Sie besorgt sich darüber hinaus noch Literatur. Auch Regina informiert sich bei erfahrenen Menschen und liest. Wie Iris schaut sie sich außerdem die Sendereihe über Swingerclubs an.

– Der entscheidende letzte Schritt ist sowohl für Natalia als auch für Anna das Telefonat mit dem Clubbetreiber vielmehr mit einer Mitarbeiterin. Dabei geht es gerade bei Natalia nicht nur um die pure Information, sondern auch um das Erfassen der Stimmung dort, um Ermutigung und um die Beseitigung von Ängsten.


Die Bedeutung von Internet und Telefon als „Übungsfeld“

Einige Frauen machen vor ihrem ersten Clubbesuch schon Erfahrungen mit Erotik-Kontaktbörsen per Telefon, Mail oder im Chat.

– Tine ist vor ihrem Doppelleben noch brave Ehefrau. Erst seit sie Swingerin ist surft, mailt und chattet sie regelmäßig und oft in verschiedenen Kontaktforen, meist von ihrer Arbeitsstelle aus.

– Anna nutzt das Netz für Kontakte. Angaben über Telefonsex und Chats macht sie nicht.

– Lilly hat sehr viel Erfahrung im Netz und am Telefon, vor allem mit Cybersex und ‚Dirty Talking’.

– Cora hat die längste Erfahrung mit dem Medium Internet. Sie findet schon vor neun Jahren viele Kontakte über diverse Netzforen.

– Iris hat Mailen, Chatten und Telefonieren geradezu zu ihrem Hobby gemacht.

– Regina hat regelmäßig Telefonsex, allerdings nicht über eine anonyme Hotline, sondern mit einem neuen Bekannten. Dieses Arrangement entsteht nach einem kurzen erotischen Kontakt. Es geht dabei um schnelle und effektive Befriedigung, um das Ausleben ihrer „inneren Hure“, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.

– Sandy telefoniert anfangs nur. Seit sie swingt hat sie nun auch einen PC und ist viel im Netz unterwegs. Sie mailt und chattet in diversen Sex-Foren. Danach wird dann oft wieder telefoniert.

– Natalia ist die Einzige, die mit dem Internet auch heute noch nicht allzu viel anfangen kann. Sie recherchiert dort überwiegend und schreibt maximal einen Eintrag im Gästebuch ihres Clubs.

NICOLA DÖRING (2000) zeigt in ihrem Artikel ‚Cybersex aus feministischen Perspektiven’ drei Blickwinkel auf. Bei der Viktimisierungs-Perspektive geht es um Online-Belästigung, virtuelle Vergewaltigung und Cyberprostitution. „Aus dieser Perspektive ist es der (heterosexuelle) Mann, der Cybersex sucht und ihn der Netznutzerin aufzwingt, die online diversen Tätigkeiten nachgeht, aber sicher nicht an sexuellen Kontakten interessiert ist.“ (S.22)

„Die Liberalisierungs-Perspektive dagegen konzentriert sich auf die zahlreichen Vorteile, die computervermittelte Kommunikation Mädchen und Frauen bietet, wenn sie im Netz aktiv sexuelles Vergnügen suchen: Das Aussehen spielt keine Rolle, es gibt viele Kontaktmöglichkeiten, Stigmatisierung ist bei Wahrung der Anonymität ausgeschlossen, die räumliche Distanz zwischen den Beteiligten sowie die Möglichkeit zum unmittelbaren Abbruch der Kommunikationsverbindung verhindern gefährliche oder unangenehme Situationen. Aus dieser Perspektive können Frauen beim Cybersex ihre Sexualitäten besonders risikolos entfalten und mehr Sex, besseren Sex und anderen Sex genießen.“ (ebd.)

Wegen der Einseitigkeit beider Perspektiven schlägt DÖRING eine integrative Perspektive vor. Diese Empowerment-Perspektive „konstruiert den Cybersex (…) als ein weiteres Aushandlungsfeld sexualitäts- und geschlechtsbezogener Macht-Diskurse. Es wird gezeigt, wie ein kompetenter und reflektierter Umgang mit den soziotechnischen Bedingungen des Cybersex Frauen in der Erlangung sexueller Handlungsmacht fördern kann.“ (ebd.)


Im nächsten Beitrag geht es um den
ersten Clubbesuch.

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit. Genauer gesagt, lasen Sie einen Teil dieses Kapitels.