Der Morgen danach

KAUFMANN untersucht in seiner qualitativen Studie zum Paarbildungsprozess den Morgen danach (2004). Er beschreibt, dass, im Gegensatz zu früher, der Morgen danach kein Passageritus mehr ist. Beim ganz traditionellen Paarbildungsprozess gab es nach der Hochzeitsnacht nichts zu entscheiden. Das ist heute anders. Denn heute geht es am Morgen danach um die Frage: Weitermachen oder nicht? Der Morgen danach ist heutzutage oft ein ganz entscheidendes Datum im Paarbildungsprozess.

Man kann auch nach einem One-Night-Stand durchaus ungewollt in eine Beziehung hineingeraten. Ein „böses Erwachen“, nach einer Nacht mit Alkohol und schlechtem Sex zum Beispiel, führt nach KAUFMANN nicht automatisch dazu, dass es danach keine gemeinsame Zukunft gibt. Daher legt sich mancher Single ohne Beziehungswunsch für die Trennung am Morgen danach Trennungsstrategien zurecht. Ist man jedoch der Gastgeber, so ist Flucht schlecht möglich. Man muss dem Anderen irgendwie mitteilen, dass er nicht mehr erwünscht ist.

War es für beide ein böses Erwachen, geht es nur noch um die Art und Weise des Auseinandergehens. Die Gefahr, ungewollt in eine Beziehung hineinzugeraten, ist jedoch dann besonders groß, „wenn es nicht für beide zu einem bösen Erwachen kommt, sondern der andere – im Gegensatz zu einem selbst – auf eine Art und Weise zu handeln und zu reden scheint, die darauf ausgerichtet ist, der Geschichte Dauerhaftigkeit zu verleihen.“ (S.103)

Oft sind sich beide nicht so klar darüber, ob es überhaupt ein nächstes Mal geben soll. Dann entscheiden nicht selten eher kleine Dinge darüber, ob das potentielle Paar eine Zukunft hat. „In den meisten Fällen entsteht eine Paarbeziehung nicht aufgrund einer Entscheidung, sondern weil es zu keinem Bruch kommt. Die einzige wirkliche Entscheidung ist der Bruch. Um zu einem Paar zu werden, genügt es, dass die Bewegung, die einen mitzieht, diese Bewegung, der Reproduktion von Gewohnheiten niemals abreißt. Es genügt, sich am Abend nach dem Morgen danach wieder zu sehen, und schon hat das Leben den Geschmack eines beruhigenden Déja-Vus angenommen. Die ersten Gewohnheiten stellen sich rasch ein, wenn man sie sich nur in aller Ruhe einstellen lässt. Daher das Paradox: Wenn am Morgen danach scheinbar überhaupt nichts passiert, passiert doch etwas.“ (S.151)

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit

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