Erfahrungswelt Swingerclub – Einzelaspekte / heute: Grenzen, Schutz und Kontrolle

Hier wird die Frage untersucht, wie die Frauen mit ihren Grenzen umgehen, ob sie sie wahrnehmen und welche Kontrollen und Maßnahmen zum Schutz ausgeübt werden.

Tine berichtet immer wieder von Situationen, die ihr sehr unangenehm sind, aber kaum ein Mal, dass sie sich erfolgreich zur Wehr gesetzt hätte. Auch von der Anfangssituation am Tresen erzählt sie nicht, ob sie die Aufforderung ihres Nachbarn tatsächlich erfolgreich abgelehnt hat. In der Regel gibt sie nach. Wenigstens passiven Widerstand leistet sie inzwischen bei Männern, von denen sie sich belästigt fühlt, oder wenn sie einen Bewerber unattraktiv findet. Sie zeigt dann ihre kalte Schulter oder redet sich heraus. Direkte Absagen erteilt sie nie.

Anna geht nur in den Club, wenn sie sich „klar und stabil“ fühlt. Sie macht unterstützend ein kleines Ritual, bei dem sie sich verspricht, gut auf sich aufzupassen. Durch den üblichen Männerüberschuss findet sie das für sich sehr wichtig.

Im Club geht sie mit einem einzelnen Mann manchmal in einen abschließbaren Raum, findet aber auch offene Räume prinzipiell gut, weil sich dort „was entwickeln kann“. Wenn Räume allerdings zu offen sind, ein Bett beispielsweise von allen Seiten zugänglich und schwer kontrollierbar ist, mag sie das nicht. Denn auch die vorsichtig anfragende Berührung, die laut Clubregeln gestattet ist, findet sie unangenehm. Sie fühlt sich da auch „beglotzt“. In einem bestimmten Zimmer gibt es ein Hochbett, das nur von vorne zugänglich ist. Das findet Anna deshalb gut, weil ein Mann erst fragen muss, ob er noch mit hoch kommen kann.

Anna versucht immer mal wieder in sehr offenen Räumen neue Erfahrungen zu machen. Wenn sie erregt ist, verändert das noch mal die Situation und macht mehr möglich. Sie braucht aber meist erst einmal Zeit und Raum, um vertraut zu werden und zu sehen, wie sie sich im Kontakt mit einem Mann fühlt. Wenn zu schnell eine dritte Person hinzukommt, verlässt sie den offenen Raum meist wieder.

Sie hat den Eindruck, sie könnte sich „da hinlegen wie ein totes Stück Fleisch“, und es würde da Männer geben, die sie „noch vögeln würden“. Deshalb sind ihr das Wahrnehmen ihrer Grenzen und das Nein-Sagen ganz wichtig. Sie schickt Männer, die ihr unangenehm sind, konsequent weg. Anfangs muss sie sich dafür ganz bewusst die Erlaubnis geben, vor allem wenn sie zuerst Lust auf einen Mann hat, der ihr dann aber unangenehm wird. Sie sagt inzwischen: „Wenn ich das nicht könnte, könnte ich da nicht hingehen“. Dabei haben ihr die Erfahrungen mit Tantra sehr geholfen. Auch dabei, zu entscheiden, wozu sie Ja sagt, „und dann aber auch wirklich Ja!“

Sie ist nicht mehr so wie früher dazu bereit, Kompromisse zu machen. In der Regel sagt Anna das den Männern auch vorher. Selbst wenn sie bereits Zustimmung signalisiert hat, und die Bedingungen sich ändern zum Beispiel durch Alkohol, weist sie einen Mann ab. Das fällt ihr schon schwer, weil sie sich den Mann sozusagen ausgesucht hat. Ihre Devise ist jetzt: Männer besser auswählen als später abweisen. Es gibt daher auch Tage, an denen sie ohne Sex wieder nach Hause geht.

Auch Lilly geht inzwischen nur noch gut vorbereitet in den Club, und nur, wenn sie ausgeglichen ist und auch wirklich Lust dazu hat. Auf keinen Fall geht sie hin, wenn sie eigentlich nur Zärtlichkeit sucht. An solchen Tagen ist sie viel zu verletzlich. Im Club trägt sie einen „Keuschheitsgürtel“ um das Herz. „Es gibt zwar nachher auch intime Momente“, aber Lilly erlebt sich in solchen Situationen erstaunlicherweise oft als Kumpel. Das „verletzliche Mädchen“ lässt sie ganz bewusst zu Hause. Sie weiß einfach: „Durch Öffnen entsteht Intimität und Kontakt. Und Kontakt ist nie ohne Risiko“.

Lilly erinnert sich, dass es beim ersten Clubbesuch immer wieder Grenzen für sie gibt, dass sie ab und zu Nein sagt, weil sie bestimmte Dinge nicht mag oder die Art wie jemand zufasst. Nur einen Mann schickt sie ganz weg. Wenn jemand zu unvermittelt ankommt, empfindet sie das als Frechheit, und sortiert denjenigen „aus Prinzip erst einmal aus“. Anfänglich kommt es noch vor, dass sie sich sagt: „Na gut, der will jetzt auch mal, ich bin mal großzügig“.

Ein wichtiges Kontrollthema für Lilly ist ‚Safer Sex’. Vor allem weil sie es in der Regel mit mehreren Männern zu tun hat. Bei einem Einzelmann kontrolliert sie das mit einem Handgriff. In ihrem Lieblingsraum mit den Spiegeln sieht sie auch wer hinter ihr ist. Da sie aber bei mehreren Männern „weggetretener“ ist, sucht sie sich meist nonverbal einen Mann aus, der eine Art Beschützer ist und die anderen Männer bezüglich der Kondome kontrolliert. Das ist meistens ein Mann, der aus verschiedenen Gründen selbst nicht am Treiben teilnimmt.

Im Falle von Männerüberschuss sind Lilly und ihre jeweiligen Sexpartner oft von masturbierenden Gangb*ng-Anhängern umgeben. Das findet sie oft so störend, dass sie diese Männer rausschickt. Anfangs ist da auch noch großzügiger, weil sie denkt in einem nicht abschließbaren Raum müsse sie das dulden. Inzwischen ist sie darin geübt, Nein zu sagen und viel selbstsicherer.

Auch Cora bereitet sich auf einen Clubabend vor. Sie stimmt sich ein, indem sie sich fragt, was sie erleben möchte und es sich dann vorstellt. Im Gegensatz zu Lilly geht sie auch in den Club, wenn sie „einfach nur Streicheleinheiten“ haben oder einfach nur wahrgenommen werden möchte. Sie bringt dann schon „eine bestimmte Energie mit“ und findet erfahrungsgemäß „das Passende“. Am Anfang ist das Nein-Sagen noch eine „Übung“ für sie, denn sie schaut noch stark auf die Bedürfnisse ihres Gegenübers und verhält sich eher passiv. Heute weiß sie, dass SIE diejenige ist, die das Heft in der Hand hat und haben muss, gerade auch, wenn mehrere Männer beteiligt sind, die sich nicht gegenseitig reglementieren können. Sie achtet inzwischen immer auf ihr Gefühl und auf eine innere Zustimmung.

Iris schützt sich schon präventiv durch ihre Initiative bei der Partnerwahl und durch ihre wählerische Art. Ähnlich wie bei Cora muss bei ihr im Kontakt die „Schwingung“ stimmen. Sie empfindet den Club als „absolut sicheren Raum“, in dem sie als Frau „erotisch kommunizieren kann“, wenn sie das will. Es ist für sie ein Bereich, der ihr erlaubt, sich auszuleben und manches auszuprobieren, was sie sich wünscht und vorstellt, ohne dass jemand sie reglementiert oder kritisiert. Das einzige, das ihrer Ansicht nach passieren könnte, ist, dass jemand Nein sagt. Das sei zwar noch nicht passiert, aber sie sage ja auch Nein. In ihrer Fantasie finden aber auch Dinge statt, die sie nicht einmal erzählen möchte und in ihrer Realität auch keinen Raum haben sollen. Da schützt sie sich durch ihre Verschwiegenheit.

Auch Regina geht davon aus, dass sie in einem Swingerclub „Ruhe und Muße“ hat, zu schauen, ob sie jemanden attraktiv findet, und denjenigen auch an sich heranlassen möchte, um dann zu entscheiden, wie weit sie danach wiederum gehen will. „Und das eben in so ’nem relativ geschützten Rahmen“. Sie findet es in Ordnung, wenn jemand zum Beispiel Lust hat, SM-Spiele zu machen und kann dabei auch zusehen. Selbst möchte sie da allerdings keine Grenzen überschreiten und einen sicheren Platz haben, wo ihr niemand zu nahe kommen kann. Sie möchte auch nicht von jedem beim Sex beobachtet werden, sondern nur von Leuten, die ihr eine gewisse Wertschätzung entgegen bringen. Mit Missachtung, auch anderen gegenüber, möchte sie auf keinen Fall konfrontiert werden. Weil sie noch diverse andere Befürchtungen hat, schützt sie sich gerade maximal, indem sie gar nicht erst hingeht.

Unabhängig von einem Clubbesuch hängt bei ihr das Thema Grenzen stark vom „Öffnungsgrad des Gegenübers“ ab. Wenn beide Beteiligten sehr offen sind, wird der Kontakt zu einer „Begegnung“. Wenn dazu dann noch gegenseitige Anziehung und eine „übereinstimmende Sprache in der Sexualität“ kommt, dann „fließt es geradezu so ineinander“ und sie findet dann allein schon Küssen sehr „verschmelzend und intim“. In dieser Hinsicht ist sie ebenfalls unsicher, was bei einem Clubbesuch auf sie zukäme. „Wie emotional wird das da?“ Zu viel oder zu wenig? Im Moment befürchtet sie, dass sie noch nicht gänzlich ohne emotionale Beteiligung Sex haben kann. Dann liefe es aber auf eine Art Verliebtheit hinaus, die sie jedoch in ihrer Beziehung keinesfalls gefährden dürfte.

Für Sandy gibt es relativ wenige Grenzen und Tabus – sie bezeichnet sich selbst als „die Versauteste“ im Club – aber die „wirklich ganz, ganz heftigen Geschichten“ lehnt sie strikt ab. Dazu gehört für sie harter sadomasochistischer Sex mit Piercen und Blut, Sex mit Fäkalien und selbstverständlich Sex mit Tieren und Kindern. Und Sex ohne Kondom kommt für sie überhaupt nicht infrage.

Ihre Grenzen im Kontakt und „auf der Matte“ macht sie überwiegend mit Gesten klar. Reagiert ein Mann darauf nicht angemessen, wird sie schon „mal lauter“, vermeidet diese Eskalation aber nach Möglichkeit, da dadurch „die ganze Atmosphäre“ im Club gestört wird.

Als devoter Part im Kontakt mit dominanten Männern achtet sie sehr darauf, dass entweder bereits Vertrauen vorhanden ist, oder dass zum Beispiel Fesselspiele nur im Swingerclub, „wo man immer unter Kontrolle ist“, stattfinden.

Natalia fühlt sich im Club sehr geschützt, vor allem weil sie genau weiß, an wen sie sich im Notfall wenden kann. Wenn sie einen Kontakt nicht will, oder wenn ihr „jemand komisch kommt“, sind Astrid und Ben gleich zur Stelle. Auch zu Hause trainiert Natalia das Nein-Sagen. Es fällt ihr zunehmend leichter. Sie will auf keinen Fall etwas tun, nur um zu gefallen. Wenn einige ein Nein doch nicht recht akzeptieren können, weiß sie, dass diese Männer nie wieder in den Club herein kommen werden, denn die Betreiber können sich erstaunlich gut Gesichter merken.

Es gibt Dinge, die sie nie im Club machen würde. Dazu gehört Analsex, Sex mit Ausscheidungen oder harte sadomasochistische Praktiken. Sie hat allerdings in mancher Hinsicht ihre Grenzen etwas erweitert und dadurch „so Sachen kennen gelernt, die man sonst normal NIE kennen lernen würde“. Leichte Fesselspiele mit verbundenen Augen und sinnliche Überraschungen, mit einer Feder beispielsweise, findet sie sehr anregend, weil man „den Geist nicht mehr einsetzen, nichts mehr kontrollieren“ kann. Sie weiß sich dabei unter Kontrolle und kann jederzeit Stopp sagen oder mittels einer abwehrenden Geste alles beenden. Ihre Fantasie, einmal Sex mit mehr als zwei Männern zu haben, hat sie aber noch nicht in die Tat umgesetzt.

Natalia achtet sehr auf ihre Gesundheit und daher auf ‚Safer Sex’, auch beim Oralsex. Nur Ben verwöhnt sie einmal oral ohne Kondom.

ERGEBNISSE

In folgender Übersicht ist ohne genauere Abstufung festgehalten, was ohne vertiefte Nachfrage von den Frauen zum Thema spontan geäußert wurde. Auch hier gilt: Wenn etwas nicht explizit geäußert wurde, kann es dennoch praktiziert werden. Folglich ist die Übersicht unvollständig.


Lücken bedeuten lediglich, dass dazu keine Angaben gemacht wurden. Striche zeigen eine ausgesprochene Negierung.

Tine lässt vieles geschehen und signalisiert höchstens durch passiven Widerstand, dass sie sich belästigt fühlt.

Anna hat von allen Gesprächspartnerinnen das ausgeprägteste Grenzsystem, das sie schon präventiv aktiviert und gegebenenfalls äußerst konsequent einsetzt.

Lilly ist ebenfalls gut vorbereitet und geht gar nicht erst in den Club, wenn sie sich zu schutzlos einschätzt. Sie ist dort zwar nicht aktiv in ihrer Partnerwahl, inzwischen aber sehr vertraut mit ihren Grenzen und dem Umgang damit. Wenn sie später erregungsbedingt die Kontrolle zu verlieren droht, kann sie sich auf eingespielte Beschützer verlassen. Dass alle Männer ein Kondom benutzen, ist ihr dabei vor allem wichtig.

Cora stimmt sich vorher ein, um das zu bekommen, was sie haben möchte. Sie hat damit gute Erfahrungen. Als „alter Hase“ ist sie inzwischen sehr souverän im Umgang mit den Männern.

Iris kennt ihre Grenzen. Sie wählt aktiv aus und hört auf ihren Bauch. Den Club selbst empfindet sie als sicheren und schützenden Raum.

Sandy betrachtet den Club ebenfalls als Schutz vor Übergriffen. Sie traut sich viel zu und ist als reichlich Erfahrene dabei sehr klar und souverän.

Natalia fühlt sich im Club insbesondere durch die Betreiber sehr in Sicherheit. Sie übt schon vorab ganz bewusst das Nein-Sagen.


Weiter geht’s dann mit dem Thema:
Vom Sexspiel zu dritt bis zum Gangbang

Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit. Genauer gesagt, lasen Sie einen Teil dieses Kapitels.

7 Kommentare zu „Erfahrungswelt Swingerclub – Einzelaspekte / heute: Grenzen, Schutz und Kontrolle

  1. Es ist wohl so, dass die Frauen auch das Gefühl der Gefahr brauchen. Jeder Clubbesuch soll ein Abenteuer sein, aber mit möglichst vielen Sicherheitsgurten.
    Die ganze Absurdität eines solchen Clubs zeigt sich darin, dass sich Frauen davor schützen wollen, sich zu verlieben. In einigen Jahren wird es Roboter geben, die wie Brad Pitt aussehen, eine wunderbare Erektion haben, und doch nichts menschliches mehr an sich haben. Frauen sind schon seltsam, was der fast schon obligatorische Besitz eines Vibrators angeht. Aber der Mann, der sich eine Gummipuppe bei Beate Uhse kauft, wird lauthals ausgelacht, es ist doch dasselbe.
    Frauen möchten sich vor ganz natürlichen Gefühlen wie Hingabe, ja Liebe schützen und werfen andererseits den Männern vor, wenn sie diese „Zärtlichkeit“ nicht zeigen. Das größte und riskanteste Abenteuer war es anscheinend, sich von einer Feder streicheln zu lassen.
    Das ist pervers, kopfschüttelnd, das ist pervers, es besteht die Gefahr sich fallen zu lassen…

    😉 Mukono

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    1. Sie wollen mich heute wohl etwas provozieren? Was gibt es denn daran auszusetzen, etwas Aufregendes mit Sicherheitsgurt zu erleben? Ich kann auch nichts Absurdes daran finden, dass jemand Lust hat, beispielsweise zu tanzen, ohne sich gleich verlieben zu wollen. Herr Mukono, Sie wollen doch nicht päpstlicher als der Papst sein und Sex ohne Beziehungsabsichten verurteilen. 🙂
      Den Frauen ist entgegen Ihrer Vision gerade der reale Körperkontakt Haut auf Haut und Küssen so wichtig, was ein Roboter – und wenn er noch so hübsch sein sollte und einen raffinierten Smalltalk-Chip enthielte – ja nie befriedigend erfüllen könnte.
      Zum „obligatorischen Besitz eines Vibrators“ (ich besitze übrigens keinen): Leider sind weibliche Geschlechtsorgane bisweilen nicht so schnell und effektiv zu stimulieren, wie das in der Regel bei männlichen möglich ist. (Den Vergleich mit der Gummipuppe meinen Sie nicht wirklich ernst, oder?)
      Zum Fallenlassen: Einige dieser Frauen haben Erfahrungen von Hingabe an den animalischen Akt, die manche Ehefrau noch nie gewagt hat.

      So! – Ich habe gesprochen. 🙂

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    2. smile jetzt muss ich Sie aber auf mein Smiley hinweisen 🙂
      Wenn eine Frau sagt, „So! – Ich habe gesprochen. :-)“, dann muss man doch schweigen, obwohl, ich sags trotzdem, wer Liebe mit Plastik macht oder auch Metall ist ein Prolli, grins, egal ob weiblich oder männlich, so 😉
      jetzt ist es raus

      erleichtert 🙂

      Mukono

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